Fotoworkflow unter Linux aufgebohrt: Darktable

Wer gerne und viel digital unter Linux fotografiert, schielt bisweilen etwas neidisch auf die Mac- oder Windows-Welt und die dort reichlich vorhandenen ausgereiften Software-Tools, die Fotografen helfen,

Darktable im Dunkelkammer-Modus
Darktable 0.8 im Dunkelkammer-Modus

Ihre Bilder zu bearbeiten und zu verwalten. Die vorhandenen Linux-Tools sind allerdings inzwischen für Gelegenheits- und Hobby-Fotografen vielfach durchaus ausreichend. Unter KDE empfiehlt sich hier z.B. Digikam – ein mächtiges Grafiktool samt pfiffiger Verwaltungs- und Katalogisierungsmöglichkeiten.

Wer aber den Gnome-Desktop nutzt, kommt bei dem Hin und Her der Standardfototools schon ins Grübeln: Mal war gthumb angesagt, mal eog, mal shotwell. Richtig glücklich werden konnte man aber selbst als Hobby-Knipser mit keinem dieser Tools. Und schließlich Gimp: das Programm ist mächtig und bietet viele professionelle Funktionen. Als reine Bildbearbeitungslösung bietet Gimp eine Fotoverwaltung, die einem z.B. das Sichten eines umfangreichen Fotobestandes erleichtert, natürlich nicht. So hieß „Fotoworkflow“ unter Linux oft: viele verschiedene Programme benutzen, an die man die Fotos jeweils für wenige Funktionen weiterreicht.

In den letzten Jahren kommt jedoch der Fotoworkflow unter Linux in Schwung. Neben kommerziellen Tools wie Bibble Pro, das besonders in der aktuellen Version 5 endlich Fotobearbeitung wirklich „an einem Platz“ ermöglicht und dabei den Vergleich mit ähnlichen Programmen aus der Windowswelt nicht zu scheuen braucht, gibt es auch inzwischen endlich Freie Software, die – unter GPL-Lizenz veröffentlicht – professionelle Bildbearbeitung auf den Linux-Desktop bringt.

RawTherapee Screenshot
RawTherapee in der 3.0 Beta-Version: ein mächtiges Tool

Zuallererst ist hier RawTherapee zu nennen, das – wie der Name schon andeutet – sich besonders auf die „Entwicklung“ von Bildrohdaten (RAW-Konverter) spezialisiert hat und ebenfalls Bildbrowse- und Bildbearbeitungsfunktionen mitbringt. Das Programm wird aktiv weiterentwickelt und wurde erst im vergangenen Jahr unter die GPL gestellt und kann z.B. unter Linuxdistributionen wie ubuntu ganz einfach über die Paketverwaltung installiert werden.

Einen wirklichen Blick wert ist ein Newcomer in Sachen integrierter Bildbearbeitung, der sich nach und nach in die Profiliga vorgearbeitet hat: Darktable. Darktable liegt aktuell in Version 0.8 vor und legt sein Hauptaugenmerk auf das Verwalten und Konvertieren von Fotos und digitaler Negative, bzw. Rohdaten. Die (gewollte?) Ähnlichkeit zu Lightroom ist auf den Screenshots ziemlich deutlich zu sehen. Werkzeugbereiche links und rechts, oben und unten – all das gibt es in Lightroom ebenfalls, auch die Farbgebung der Benutzeroberfläche erinnert an die Software von Adobe.

Darktable bringt zwei Module für den Fotoworkflow mit: Erstens eine Bildverwaltung im sogenannten „Leuchttisch“-Modus, die die Fotosichtung und wichtige Dinge wie Fotobewertung, Filtern und Veschlagwortung via Tagging unterstützt. Je genauer man dabei die Bilder taggt, desto weniger Probleme hat man später, das richtige Foto auch bei einer umfangreichen Bildersammlung  wieder zu finden.

Darktable im Leuchttisch-Modus
Sichten, taggen, sortieren, filtern: Darktable im Leuchttisch-Modus

Das zweite Modul kümmert sich um die Bild- RAW Konvertierung im sogenannten „Dunkelkammer“ Modus. Hier sind neben der „Entwicklung“ der Bildrohdaten umfangreiche Manipulationen möglich: das Programm berücksichtigt beispielsweise das Zonensystem-Modell, mit dem sich Bilder im Stil von Ansel Adams erzeugen lassen. Alle Bearbeitungsschritte lassen sich kopieren und auf weitere Bilder anwenden. Oder man speichert sie ab und wendet sie später im Batch-Betrieb an. Selbstverständlich werden auch ICC Farbprofile unterstützt. Falls Bearbeitungs-Module zu fehlen scheinen, blendet man die untere Leiste ein und wählt „Weitere Module“ aus. Sichtbare Module sind grau hinterlegt, sog. „Tooltips“ (kleine Hinweise) erleichtern überall die Orientierung im Programm. Dennoch benötigt der Neuling einiges an Einarbeitungszeit, um die verschiedenen Module zu verstehen und sinnvoll anwenden zu können.

Die Bildbarbeitung ist – wie in diesem Bereich üblich – auf Basis einer internen Datenbank stets nicht-destruktiv ausgelegt. Neben den Bildbearbeitungs-Grundfunktionen bietet das Programm auch einige Spezialitäten: so ist z.B. ein sog. „Tethering“-Modus vorhanden, in dem man die Kamera mit dem Rechner koppeln kann. Dann werden neue Bilder automatisch in Darktable übernommen. Besonders die schnellen und intuitiven Möglichkeiten, hochwertige Schwarzweiß-Bilder zu erzeugen, begeistern und lassen für die zukünftige Entwicklung des Programms einiges erhoffen. Sehr schön ist auch, dass sich viele Funktionen durch Tasten-Shortcuts anwenden lassen. Dies dürfte besonders Tastatur-Virtuosen entgegen kommen.

Das Programm ist nicht in den offiziellen Paketquellen der Mainstream-Distributionen enthalten. Man kann aber verschiedene „Personal Package Archive“ (PPAs) der Entwickler nutzen.

Fazit: Viele Rezensionen von Darktable im Internet sind bereits nicht mehr aktuell: das Programm ist nicht mehr nur ein einfacher Bildbetrachter, sondern ein mächtiges Tool zur Bildverwaltung, Fotomanipulation und Fotooptimierung. Der modulare Aufbau des Programms gefällt: (nicht) benötigte Bearbeitungsmodule lassen sich einfach an- und ausknipsen, so kann man bei Bedarf auch den benötigten Bildschirmplatz klein halten. Richtig Spass macht das Tool natürlich aber im Vollbildmodus. Die gebotenen Bildbearbeitungsfunktionen sind gut: Rauschfilter, Weißabgleich, Linsenkorrektur, Farbprofile, Sättigung, Kanäle, Filter, Detailverbesserung, Zonensystem-Modell, Tonwertkurven, Scharf-/Weichzeichner, Vignettierungskorrektur, Wasserzeichen – alles ist da. Auch die RAW-Entwicklung kann überzeugen, sie ist schnell und liefert gute Qualität. Einziger Wermutstropfen: das Einlesen umfangreicher Bildbestände dauert ein wenig zu lang – besonders wenn die Bilder im Rohformat vorliegen. Hier geht z.B. die kommerzielle Konkurrenz wie Bibble 5 deutlich schneller zu Werke. Dennoch lässt sich dieses kleine Manko leicht verschmerzen – die nächste verbesserte Version kommt bestimmt!
Man wird noch hören von Darktable – das Projekt ist auf einem guten Weg!

Ulrich Berens

Mein Name ist Ulrich Berens, ich bin einer der Gründer von LUKi und derzeit Vorsitzender von unserem Verein LUKi e.V.. Nicht nur privat, sondern auch dienstlich benutze ich seit 1998 Linux und beweise damit, dass sich Linux in einem kirchlichen Büro problemlos einsetzen lässt. Auf identi.ca und Twitter bin ich privat als @infoleck unterwegs, auf unserem LUKi-eigenen sozialen Netzwerk churchy und auf Diaspora bin ich auch vertreten. Mein privater Blog findet sich unter: www.berens.net und mein Fotoblog unter: www.ulrich-berens.de. Berufliches findet sich unter familienseelsorge.de und neue-gespraeche.de.

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2 Gedanken zu „Fotoworkflow unter Linux aufgebohrt: Darktable

  1. doch, klar. Sogar ziemlich problemlos. Es integriert sich nur nicht in die Desktopumgebung und setzt in deinem Gnomesystem KDE-Teile ein. So öffnet sich bspw. aus Digikam raus schon mal der KDE-Dateiverwalter dolphin statt dem gewohnten (und vermutlich auch eingerichteten) nautilus

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