Mobil in die digitale Freiheit (2)

TL;DR: Für das Linux-Smartphone „Librem 5“ stellt sich Purism mit eigener Entwicklungsarbeit hinter die Stärken von Debian Linux, des GNOME Desktops und ihrer Communities. Das ist eine unterstützenswerte Strategie und hoffentlich auch ein Erfolgsrezept.

Die Menge der Glaubenden war ein Herz und eine Seele, und nicht einer sagte, etwas, das ihm gehöre, sei sein Eigen, sondern es war für alle Gemeingut.

Die Bibel – Apostelgeschichte 4,32 (Übersetzung: Offene Bibel, Studienfassung)

Mit dem PinePhone und dem Librem 5 gibt es (nach langer Zeit) endlich wieder Hardware, die Hoffnung darauf macht, auch als Endanwender:in irgendwann ein quelloffenes und damit unabhängiges und nachhaltiges Betriebssystem auf einem Smartphone betreiben zu können. Die Ausgangslage habe ich in meinem vorherigen Beitrag beschrieben.

In diesem Beitrag fasse ich zusammen, warum Purism (die US-amerikanische Social Purpose Corporation hinter dem Librem 5) dafür erfolgversprechende Entscheidungen getroffen hat.

Sozial: Mit den Communities

Praktisch alle der bisherigen Versuche, ein Linux-Smartphone an den Markt zu bringen, setzten auf neue, eigene Wege Anwendungen zu erstellen und zu den Nutzer:innen zu bringen. D.h. man setzte zwar auf Open-Source-Technik auf, wollte dann die Entwickler:innen aber motivieren, Anwendungen auf dem nur für das eigenen Ökosystem vorgesehenen Weg zu erstellen. Das ist wettbewerbstechnisch der von Google und Apple bekannte Weg: Firmen versuchen, sich mit „ihrer Technik“ gegenüber den Mitbewerber:innen durchzusetzen.

Für einen Newcomer ohne Marktanteile ist diese Strategie aber wenig erfolgversprechend. Dazu kommt, dass Firmen sich mit diesem Weg gegen die Technik der Open-Source-Communities stellen und damit zu Konkurrenten werden. Insbesondere die Beispiele von Canonical (Ubuntu Touch, auch der Sonderweg auf dem Ubuntu-Desktop mit der Unity-Oberfläche) haben gezeigt, dass Techniken, die von den Communities nicht akzeptiert werden, praktisch keine Chance haben. (Im umsatzstarken Servermarkt, auf dem die Firmen unabhängig von den Communities agieren können, sieht die Lage anders aus.)

Purism hat hier anscheinend gelernt und agiert entsprechend: Das Betriebssystem für ihre Geräte namens PureOS ist ein um wenige Komponenten ergänztes, „pures“ Debian, das auf den eigenen Geräten idR. sogar ohne proprietäre Firmware-Komponenten lauffähig ist. Damit stellt sich Purism mit seiner Strategie hinter die Entwicklungsarbeit von rund 1000 Debian-Entwickler:innen – weltweit vermutlich die größte Open Source- und Linux-Entwickler:innen-Community.

Das gleiche gilt für die Anwendungen: Hier setzt Purism auf normale GNOME-Anwendungen, die durch leichte Anpassungen auch auf Smartphones laufen. Neben den technischen Vorteilen (s.u.) sichert sich Purism damit die Unterstützung der weltweit agierenden GNOME-Community (und der dahinter stehenden Foundation).

Purism verzichtet also auf die Entwicklung eines proprietären Marktes und investiert selbst Entwicklungsarbeit in das Software-Allgemeingut der Communities, die es derzeit vermutlich vor allem durch Hardware-Verkäufe finanziert.

Technisch: Anwendungen einmal schreiben, überall nutzen

Open-Source-Anwendungen auf dem Linux-Desktop-Computer setzen auf eine der zwei Basis-Techniken auf: Entweder auf Gtk, das zum GNOME-Desktop gehört, oder auf Qt, das von der Qt Company entwickelt und – über die KDE Free Qt Foundation als Freie Software gesichert – vom KDE-Desktop genutzt wird.

Qt ist ein weit verbreitetes Cross-Plattform-Toolkit für graphische Benutzeroberflächen, das auf einer Vielzahl von Betriebssystemen (auch Windows und macOS) unterstützt wird. Entsprechend schnell und einfach lassen sich damit Anwendungen erstellen. Auch Purism und Pine64 mit dem PinePhone setzten bei der Auslieferung ihrer Smartphones anfänglich auf Qt und die dazugehörige Plasma Mobile-Oberfläche von KDE.

Die eigene Entwicklungsarbeit, u.a. durch den Debian-Entwickler Guido Günther, investiert Purism aber vor allem in GNOME-Anwendungen und die GNOME-Shell für mobile Anwendungen namens Phosh.

Der GNOME-Desktop ist heute die bevorzugte Oberfläche der großen Linux-Distributionen Fedora, Ubuntu und Debian. Ich halte die Entscheidung aber auch technisch für richtig:

Viele der populären Qt-Anwendungen nutzen die klassichen Qt Widgets. Die sind jedoch ausschließlich für Desktop-Anwendungen gedacht. Für mobile Anwendungen benötigt man das JavaScript-ähnliche QtQuick mit QML. D.h. unter dem Namen „Qt“ firmieren zwei eigentlich vollständig unterschiedliche Techniken, die zwar miteinander kompatibel sind, von denen jedoch nur letztere für mobile Anwendungen geeignet ist.

Nicht so bei GNOME: Als ich, traditionell ein Mac-User, auf den GNOME-Desktop wechselte, ärgerte ich mich wie manche andere über Auffälligkeiten: Vor allem das Fehlen eines Menüs am oberen Bildschirmrand und die Tatsache, dass sich Einstellungen bei modernen GNOME-Anwendungen in sog. „Hamburger-Menüs“ verstecken.

Erst spät realisierte ich: Der GNOME-Desktop setzt damit auf eine Oberfläche, die auf Touch-Displays viel einfacher zu bedienen ist. Ein klassisches Desktop-Menü funktioniert auf einem mobilen Gerät einfach nicht. Damit unterstützt das GNOME-Design Anwendungen, die auf mobilen wie auf Desktop-Geräten gleichzeitig laufen. Eine Entwicklung, die sich die Firma Apple z.B. nicht leisten konnte und nun mühsam versucht nachzuholen.

Das bedeutet in der Konsequenz: Der GNOME-Desktop ist den großen proprietären Mitbewerber:innen konzeptionell einen Schritt voraus. Diese Entwicklung sollte unterstützt werden, finde ich.

Purism leistet seinen Beitrag mit der Entwicklung der Bibliothek libhandy, die inzwischen vom GNOME-Projekt offiziell aufgenommen und für Gtk4 und GNOME 41 als „libadwaita“ weiterentwickelt wird. Durch die Verwendung von libadwaita für die Entwicklung von Gtk-basierten Oberflächen werden (auch bereits existierende) Apps (mit nur leichten Anpassungen) responsive, passen sich also der verfügbaren Displaygröße an.

Unterstützen

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass die oben beschriebenen Entscheidungen eine Software-Entwicklung für mobile Apps markieren, die nachhaltig im Sinne der FLOSS-Gemeinschaften ist und auf unnötige Bindung an proprietäre Märkte verzichtet.

Auch wenn das Librem 5 und ähnliche Smartphones immer eine Nischenerscheinung bleiben sollten, so haben sie doch das Potential brauchbare Anwendungen laufen zu lassen. An den Anwendungen – und daran, dass es sich für Entwickler:innen lohnt sie zu entwickeln – hängt am Ende die Überzeugungs- und Durchsetzungskraft derartiger Geräte.

Als Anwender:in

Ob jemensch als Anwender:in zum jetzigen Zeitpunkt bereits ein Smartphone für 800$ oder gar 2000$ (für die in den USA gefertige Variante) zahlen möchte, bleibt jeder und jedem selbst überlassen. In jedem Fall lohnt sich m.E. eine kleine Vorschussinvestition in die (Weiter-)Entwicklung von Apps.

Außerdem dürften Rückmeldungen zur Verbesserung der bereits existierenden GNOME-Apps, wie man sie unter Fedora, Ubuntu, Debian etc. findet, eine große Hilfe sein. Die Entwicklung und auch die Rückmeldungen zu GNOME-Apps finden auf dem Projekt-eigenen Gitlab statt. Wer Hilfe bei der Erstellung eines englischsprachigen Tickets mit einer Fehlermeldung wünscht, findet im Matrix-Kanal vom LUKi #luki-support:synod.im auf synod.im sicher freundliche Unterstützung.

Als Entwickler:in

GNOME-Anwendungen sind und werden idR. geschrieben in C,Vala, C++, Python und Rust. Auch Paketierer:innen (z.B. für Debian) werden praktisch immer gebraucht.

Und, persönliche Anmerkung: Wer Lust hat, diskutiert hier mit, ob es nicht einen Weg gibt, mit dem guten alten Objective-C Anwendungen sowohl für GNOME als auch für iOS zu entwickeln.

Fazit

Für ein Fazit ist es derzeit noch zu früh. Im Moment gilt vor allem der von Steve Ballmer bekannte Anfeuerungsruf: „Developers, developers, developers!“ Und damit verbunden sicher manche Frage und Diskussion, wie man die neue-altbekannte Plattform für Entwickler:innen interessant machen kann.

Wer wissen will, was so ein GNOME-Entwickler eigentlich so macht, der hat vielleicht Lust Georges Stavracas aus Brasilien mal live über die Schulter zu schauen.

Und schließlich wünsche ich dem Projekt: „Users, users, users!“

Johannes Brakensiek

Lebt mit seiner Familie in Duisburg-Walsum, ist Pfarrer und Freund von Freiheit, Transparenz, Nachhaltigkeit und Allgemeinnützigkeit. Auch bei Software. Das hätte vermutlich schon der Apostel Paulus so gehalten: "Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind." Gal. 5,1

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