Bibelprogramme

Hallo Besucher! Dieser Beitrag wurde 2004 in der Zeitschrift „Pfarrer&PC“ veröffentlicht.
Die hier beschriebene Software existiert – in neueren Versionen – allerdings weiter.

Bibelprogramme unter Linux

Linux ist „hip“. Aber was hat der gemütlich dreinschauende Pinguin demjenigen zu bieten, der für seinen Linux-PC ein Softwaretool für die Bibelarbeit sucht? Gibt es dafür überhaupt Programme?

„Love. Peace. Linux.“, titelte eine Werbekampagne vom IBM unlängst in den Vereinigten Staaten und knüpfte damit an die Verheißungen der Flower-Power-Bewegung und der  Althippies in den guten altern Sechziger Jahren an.
Linux ist „hip“. Aber was hat der gemütlich dreinschauende Pinguin demjenigen zu bieten, der für seinen Linux-PC ein Softwaretool für die Bibelarbeit sucht? Gibt es dafür überhaupt Programme?

Wie immer gilt hier: das Leben und speziell Linux ist eine Baustelle. Wie bei den meisten der freien Programme (die wir dann in ihrer Gesamtheit als Linux bezeichnen) exisitieren etliche Open-Source-Projekte, die Software für das Bibelstudium unter Linux (und anderen System) entwickeln. Sourceforge.net beherbergt die meisten, darunter ganz interessante Arbeiten wie z.B.das „Talking Bible Projekt“, das biblischen Text in digitale Sprache umwandeln auf dem PC ausgeben möchte. Für Linux existiert bereits seit längerem eine eine entsprechende Sprachsynthesizer-Software. Bis jedoch das „Talking Bible Projekt“ wirklich etwa für blinde PC-Nutzer zu gebrauchen ist, wird wohl noch etliche Zeit ins Land gehen: es befindet sich – wie so viele andere Open-Source-Projekte auch – noch im Alpha-Stadium.

Wer Software sucht, mit der es sich richtig an und mit der Bibel unter Linux arbeiten lässt, stößt schnell auf das „Sword-Projekt“ und die „Volksbibel 2000“.

Das Sword-Projekt

(http://sourceforge.net/projects/sword/)

Das Sword-Projekt ist ein freies Bibelsoftware-Projekt der Crosswire Bible Society (http://www.crosswire.org) mit dem Ziel, Werkzeuge und Module zur Erstellung von Bibelsoftware bereitzustellen. Diese Module umfassen Programmierschnittstellen (API’s), aber genauso auch Lexika, Kommentare, Landkartenwerke oder Bibeltexte in verschiedenen Übersetzungen. Zur Zeit arbeiten 13 Entwickler an der Software, deren aktuelle Version 1.5.3 über 200 Textmodule in über 50 Sprachen bereitstellt. Der Vorteil der Verwendung von Modulen, also Programmbausteinen, liegt auf der Hand: der Programmierer eines Bibelprogramms, das auf Sword aufsetzen möchte, muss nicht immer das Rad neu erfinden, die Module sind kompatibel und plattformübergreifend: sie lassen sich auch unter entsprechenden Windows-Programmen verwenden.

Unter Linux gibt es zwei ernstzunehmende Bibelsoftware-Kandidaten, die auf Sword aufsetzten: „BibleTime“ für den KDE-Desktop und „Gnomesword“ für die Gnome-Desktop-Umgebung.

Bibeltime 1.2.1

(http://www.bibletime.de)

Die derzeit aktuelle Version von BibleTime kann von: http://sourceforge.net/project/showfiles.php?group_id=954 heruntergeladen werden. Dort finden sich fertigkompilierte Pakete für alle großen Linux-Distributionen. Wer als  Hardcore-Linuxer das Selbstkompilieren vorzieht, erhält dort auch – wie es sich gehört – den Programmquellcode.

Auf der Homepage von BibleTime verweisen Links auf das Sword-Projekt und auf weitere Textmodule, die zum Programm heruntergeladen werden können: Bibelübersetzungen in allen möglichen Sprachen, Kommentare und Lexika. Alternativ kann auch eine CD bezogen werden.

Schaut man in die deutsche Sektion, fällt auf, dass zeitgemäße Bibeltext-Übersetzungen fehlen, bzw. als „locked“ (nicht freigegeben) gekennzeichnet sind. So kann man zwar die Elberfelder Bibel in der Übersetzung von 1871 herunterladen und verwenden, nicht aber die revidierte Fassung von 1993. Gleiches gilt für alle zeitgenössischen Übersetzungen. Grund sind die altbekannten Copyright-Probleme. Ich frage mich allerdings schon, warum die großen Bibelwerke z.T. teuere kommerzielle Bibelprogramme unterstützen, so vielversprechende Open-Source-Projekte wie Sword aber nicht.

Hat man die Text-Module z.B. um griechische und hebräische Texte erweitert und das Programm dann installiert, entpuppt sich BibleTime als wahre Perle, das sich auch durchaus mit manch kommerzieller Software messen kann. Das Programm des Hauptfensters zeigt links die eigene „Bibliothek“ (die installierten Textmodule) und rechts den Arbeitsbereich, in dem man verschiedene Übersetzungen, Kommentare und Lexkia öffnen kann.

Das Sword-Projekt verwendet für Texte in nicht-lateinischer Schrift (wie Griechisch und Hebräisch) den Unicode-Standard. Frühere Versionen von BibleTime hatten noch Probleme mit dem Unicode-Support: Hebräisch wird in der falschen Schreibrichtung dargestellt, Unicode-Texte lassen sich nicht ausdrucken. Wie den Screen-Shots unter http://www.bibletime.de/gallery.shtml zu entnehmen ist, wird mit der aktuellen Version auch der hebräische Text richtig von rechts nach links angezeigt, so dass man jetzt endlich ein Linux-Bibelprogramm hat, mit dem man auch mit den Originaltexten arbeiten kann.

Wofür ich BibleTime schon jetzt sehr gerne nutze, ist der Vergleich verschiedener Textvarianten des Griechischen Neuen Testaments. Denn da der Nestle-Aland durch Copyright geschützt ist, haben die Open-Source- und Freeware-Projekte au der Not eine Tugend gemacht und bieten das Griechische Neue Testament in mehreren klassischen Ausgaben (textus receptus, byzantinischer Text, Tischendorf, Westcott-Hort etc.). Dadurch wird Textkritik zu einem echten Erlebnis, weil man durch den kritischen Apparat des Nestle-Alands immer nur einzelne Textvarianten geboten bekommt und sich nur schwer vorstellen kann, wie eine bestimmte Textfassung als ganze ausgesehen hat. Außerdem habe ich auf diese Weise festgestellt, wieviele Varianten des textus receptus (der ja immerhin über Jahrhunderte hinweg die Bibelrezeption geprägt hat) im Nestle-Aland als offensichtlich sekundär gar nicht mehr aufgeführt sind.

BibleTime bietet alle Funktionen, um in den geöffneten Texten souverän zu navigieren, zu suchen, Lesezeichen einzufügen und gezielt Text anzuspringen. Darüber hinaus gibt es die notwendigen Funktionen, um der vielleicht vielen geöffneten Fenster Herr zu werden.
Wer seinen eigenen Kommentar zu den Bibeltexten schreiben möchte, steht zunächst scheinbar im Regen, denn es wird vom Programm zunächst keine Funktion zur Eingabe eines Kommentares angeboten. Des Rätsels Lösung (und dies nicht ohne eine gewisse Treue zur Programm-Philosophie): man muss das Modul „personal commentary“ herunterladen und installieren, das dann bereitwillig die eigenen Texte aufnimmt. Leider befindet sich dieses Modul auf der Crosswire-Homepage in der – im Gegensatz zur deutschen – umfangreicheren Abteilung „englische Kommentare“, springt also dem deutschen Nutzer nicht unbedingt sofort ins Auge.

Trotzdem: Alles dran, alles drin – BibleTime ist ein funktional wie optisch gelungenes Bibel-Programm, dem man unter Linux große Verbreitung wünschen darf. Ein wenig bedauerlich ist das copyrightbedingte Fehlen der „großen“ zeitgenössischen Bibelübersetzungen. Dafür beschert BibleTime dem Nutzer Einblicke in selten genutze Übersetzungen und ein gutes Handling griechischer und hebräischer Originaltexte.

Gnomesword

Für diejenigen, die unter Linux den Gnome-Desktop bevorzugen, ist „Gnomesword“ in der Version 0.7.3 natürlich die erste Wahl. Die linuxtypische „niedrige“ Versionsnummer bedeutet übrigens nicht, dass es sich um unfertige Software handelt, im Gegenteil: funktional steht es dem KDE-Programm fast nicht nach. Es nutzt die gleichen Textmodule und geht ebenso gut mit ihnen um. Lediglich mit der Unicode-Unterstützung hat das Programm noch Probleme. BibleTime macht demgegenüber den reiferen Eindruck.

Sword auch für Windows-Nutzer

Wen das Sword-Projekt interessiert, aber Windows einsetzt, kann sich trotzdem mit den bereitgestellten Modulen beschäftigen. Es gibt eine Windows-Umgebung für Sword unter
http://www.crosswire.org/sword/software/index.jsp
Das Windows-Sword ist ebenfalls freie Software, kommt aber nicht mit der aufgeräumten Oberfläche und Funktionalität von BibleTime, sondern mit einer eigenen englischsprachigen GUI daher. Ich selbst habe diese Version allerdings nicht getestet.

Volksbibel 2000 (update)

Zum Schluss noch einen Blick auf die „Volksbibel 2000“. Dieses umfangreiche Programm wird u.a. in der Software-Bibliothek des Churchmail-Netzwerkes (http://www.churchmail.de) in Versionen für Windows und Mac angeboten. Die Linux-Variante gibt es hier bei LUKi.org. Die Funktionen und  Bedienung der Programme ist auf jeder Plattform nahezu identisch: geboten werden mehrere Bibelübersetzungen sowie der Kommentar „Weg ins Neue Testament“ von Günther Schiwy, der zwar schon älter ist, dennoch aber gerade für die Predigtarbeit viele Impulse enthält.

Geboten wird ein umfassendes Bibelprogramm, mit Konkordanz, Textvergleichen, Kommentarmöglichkeiten, direktem Anspringen von Bibelstellen usw.. Die Volksbibel bietet die Möglichkeit weitere eigene Bibeltexte zu integrieren Gut: die Konkordanzfunktion zeigt beim Anspringen eines Bibelverses Entsprechungen anderer Stellen automatisch an.

Die Volksbibel verlangt vom Nutzer einige Zeit der Einarbeitung, da die GUI nicht unbedingt gängigen Standards folgt. Gut: die Bildschirmausgabe lässt sich vielseitig anpassen. Die Online-Hilfe ist umfassend und erschließt vor allem die Benutzung des Programmes per Hot-Keys, die gerade bei der Textarbeit sehr nützlich sind, wenn man sie einmal verinnerlicht hat, da man nicht ständig zwischen Maus und Tastatur springen muss. Auch die Onlinehilfe folgt in ihrem Aufbau eigenen Standards, so dass sich ein Nutzer erst einmal orientieren muss, dann aber ist sie sehr ausführlich. Es wird sehr empfohlen, die Onlinehilfe vor Benutzung des Programm durchzuarbeiten. Leider reagiert die Maus im Programm etwas unpräzise: Menupunkte lassen sich nicht direkt anklicken, sondern reagieren erst, wenn man etwas unterhalb des entsprechenden Punktes klickt. Dies ist unter KDE ebenso wie unter GNOME zu beobachten und scheint ein Problem der Metacard-Engine zu sein, die dem Programm zugrunde liegt.

Wenn man bedenkt, dass die Volksbibel die Arbeit eines einzigen Entwicklers ist, so handelt es sich um ein beachtliches und mächtiges Stück Software, das ein wenig unter seiner „ungewöhnlichen“ Oberfläche leidet und daher einige Einarbeitungszeit verlangt. (2006)

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