Umstieg auf Linux

Von Windows zu Linux – ein Reisebericht

Im Sommer 2003 rückte der Anfang dieser Reise näher. In unserer Kirche – der EKHN – wurde begonnen, ein Intranet aufzubauen. Kleine Netzwerke in kirchlichen Einrichtungen können daran nur über ein Gateway angeschlossen werden. Und auf diesem PC läuft Linux. Als dann ein Mitarbeiter der Firma NorCom, die für die Intranetanbindung von der Kirchenleitung beauftragt worden war, in unserem Pfarrbüro, aus einem alten AMD-K6 dieses Gateway machte, sah ich zum ersten Mal „live“ einen PC mit Linuxbetriebssystem vor mir – Suse 8.1. Damit hatte meine Neugierde ein konkretes Forschungsobjekt bekommen.

Denn schon lange gibt es einiges, was mich an Windows nervte:
Warum muss ich ein Betriebssystem verwenden, von dem ich gar nicht genau weiß, was es macht? Transparenz ist kein MS-Kennzeichen.
Warum muss ich permanent Patches und Servicepacks aufspielen, weil immer wieder neue Systemlücken auftauchen? Dabei den Überblick zu behalten, ist nicht leicht.
Warum bin ich – je mehr ich online mache, desto mehr – Opfer von Angriffsversuchen von Viren, Trojanern und anderen Bösartigkeiten?
Warum sind Lizenzkosten so hoch wie der Druck, immer das neueste System zu haben?
Warum muss ich mich zwangsweise registrieren lassen mit Datenübermittlungen, die ich nicht steuern kann? Neben diesen Fragen trat auch die Überlegung, ob nicht die Opensource-Welt wesentlich „kirchengemässer“ ist als ein geschlossenes System.
Von den Sommerferien bis zu den Herbstferien liefen dann bei uns Windows und Suse 8.2 parallel nebeneinander. An der endgültigen Umstellungsentscheidung waren auch meine Ehefrau, die gleichfalls im Pfarrberuf arbeitet, und unsere Pfarramtssekräterin miteinbezogen.
In den Herbstferien kam dann der harte Schritt: Windows verschwand von unseren 3 Desktop-PCs. Nur auf dem Notebook blieb es parallel erhalten. Auf allen 4 Rechnern wurde dann Suse 9.0 aufgespielt. Suse erschien mir einerseits ausgereift und auch für Anfänger geeignet. Andererseits bietet Suse eine breite Hardwareunterstützung und eine große Softwareauswahl. Ausserdem ist es in Deuschland so verbreitet, dass deutschsprachiger Online-Support problemlos zu bekommen ist.
Die vorhandene Hardware wurde zufriedenstellend erkannt.
Lediglich der Scanner – HP 5400c – wurde nicht unterstützt. Problematisch, bzw. nicht vorhanden, ist das Energiesparmanagement für das Samsung-Notebook. Alle Systeme laufen stabil und im laufenden Betrieb erscheint mir der Zeitaufwand, um sich an das neue System zu gewöhnen, vertretbar zu sein. Sowohl meine Frau wie auch die Pfarramtssekretärin konnten als normale User ohne Linuxkenntnisse schnell das machen, was sie wollten.

Im Folgenden möchte ich die Arbeitsbereiche in unserem Pfarramt beschreiben. Über Hilfestellungen bei den angezeigten Fragen freue ich mich sehr.

1.) Office
Predigten und Liturgien verfassen, Andachten schreiben, Unterrichtsentwürfe vorbereiten, Dienstpost erledigen – sicher ist dies der umfangreichste Tätigkeitsbereich am PC. Begonnen haben wir hier mit OpenOffice 1.0, mittlerweile verwenden wir Staroffice 7.0. Bessere Rechtschreibprüfung und die zahlreichen Grafiken waren Argumente für Staroffice. Unsere in den letzten 10 Jahren mit MS-Word erstellten Dateien können problemlos geöffnet werden; manche Formatierungen werden nicht übernommen. Das „Look and Feel“ ist sehr an MS angelehnt.
Gewöhnungsbedürftig ist das Erstellen von Serienbriefen. Aber gerade hier beeindruckt mich die Unterstützung im Internet und über Mailinglisten. Unbefriedigend sind die Möglichkeiten, Texte über OCR einzufügen. Klappt das Einlesen der Bilder gut, so sind die Scanprogramm bei Suse – GOCR, KADMOS, OCRAD – sind langsam und haben eine hohe Fehlerquote.

2.) Gemeindegliederverwaltung
Unser altes Programm – Davip von der ECKD Frankfurt – läuft nicht unter Linux. Zum Glück gibt es NetKim: Über das EKHN-Intranet haben wir Zugriff auf unsere Daten beim kommunalen Gebietsrechenzentrum. Damit ist unser Datenstand aktueller als vorher. Unter Mozilla 1.5 haben wir fehlerfreien Zugriff. Listen mit Adressen und andere Daten lassen sich als CSV-Dateien exportieren und problemlos in Staroffice integrieren. Voraussetzung ist natürlich ein kostengünstiger Internetzugang – zum Glück bietet die Telekom bei uns DSL an.

3.) Finanzverwaltung
Hier wird es knifflig: unser Haushaltsüberwachungsprogramm – Delegatio -, das auch Ausgabeanweisungen erstellen kann, läuft nicht unter Linux. Wir greifen auf Vor-Delegatio-Zeiten zurück: für jede Haushaltsstelle eine Textdatei und das Ausdrucken von Anweisungen über Felddefinitionen in einer Vorlage. Nicht optimal, aber erträglich.

4.) Graphisches Arbeiten
Erstellen von Plakaten, Faltkarten, Arbeitsblättern für KU und RU so wie von Urkunden – für all das haben wir bisher CorelDraw verwandt. Und jetzt? Gimp hat viele Möglichkeiten, aber entweder sind wir zu blöd oder nicht lernfähig genug – hier kriegen wir keine Urkunde erstellt. Wahrscheinlich ,muss man einfach bereit sein, erst Mal Zeit zu investieren. Gibt es ein gutes Lernprogramm? Und so sind unser Graphiken zur Zeit einfacher gestrickt: eben mit StarDraw erstellt. Leider haben wir auch keinen Weg gefunden, wie Corel-Dateien konvertiert werden können.

5.) PIM
In MS-Zeiten haben wir hier Outlook verwenden und permanent ein gefühl von Gefährdung gehabt. Jetzt läuft Ximian Evolution, fehlerfrei und ohne Klagen. E-Mail-Verwaltung, Kontakte, Kalender – alles läuft mindestens so gut wie unter Outlook. Besser sind Kleinigkeiten: Die Wahl, ob ich eine Mail per html verschicken will oder nicht, ob Bilder eingehender Mails angezeigt werden sollen oder nicht. Nett ist der Wetterbericht und informativ die Newsseiten. Wenn man erst Mozilla 1.5 installiert und dann Evolution, lassen sich auch Links in E-Mails im Browser öffnen. Wie unter Outlook auch, habe ich noch keine gute Möglichkeit gefunden, Evolution auf mehreren PCs zu synchroniseren.

6.) Internet
Zugang läuft problemlos über das Gateway und wenn man in Mozilla alle nötigen Plugins installiert, lassen sich auch Flashs und mit Java erstellte Elemente betrachten. Aber immer wieder gibt es Homepages, die sich eindeutig am IE orientieren. Dann weiche ich auf den Suse-Browser Konqueror aus.

7.) Homepagegestaltung
Quanta ist super – wenn man es textbasiert mag. Wenn nicht, tja, dann wird es schwierig. Arbeiten auf einfachem Nieveau ermöglicht der Mozilla-Composer. Glücklicherweise läuft Dreamweaver MX unter dem neuen CrossOverOffice bis auf kleine Macken ganz gut.

8.) Multimedia
Ab und zu muss man sich mal entspannen und ausserdem höre ich gerne Musik beim Arbeiten. Das geht ganz gut: MP3s im Netz mit xmms, Radiosender über www.shoutcast.com mit xmms, Videos über Kaffeine. Nur der Sound lässt manchmal zu wünschen übrig. Es fehlt wohl an dem richtigen Soundkartentreiber.

9.) LAN
Hier gibt es Licht und Schatten: Super ist die Einbindung entfernter Verzeichnsisse über NFS. Aber wie greife ich auf die Verzeichnisse eines PCs zu, der später hochgefahren wurde? Ein Script wäre nicht schlecht, mit dem man nachträglich Verzeichnisse einbinden kann. Auf dem KDE-Desktop liegt das Icon „Lokales Netzwerk“. Das bekomme ich nicht zum Laufen. Auch das automatische Starten von LISA – insserv lisa – funktionierte zwar unter Suse 8.2, aber nicht mehr unter 9.0. Samba wird nicht gebraucht, da kein Windowssystem im Netz hängt.

10.) Kirchenprogramme
Die Kirchenjahrübersicht – ein Windowsprogramm – läuft genauso unter wine wie Lutherbibel und GNB. Nicht zum Laufen bekomme ich das Prgramm für das Gesangbuch. Am besten sind hier Programme, die browserbasiert laufen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass der „harte“ Schnitt von Windows nach Linux für uns richtig war. Der Zwang, neue Lösungen zu finden ist produktiver als das Ausweichen auf Windowszeiten. Jedoch ist die Reise noch nicht zu Ende …

Ralf Kröger (Pfarrer in der Kirchengemeinde Crainfeld), 2003

Ein Kommentar auf “Umstieg auf Linux

  1. Hallo Ralf,

    danke für den interessanten Bericht. Ist schon eine Weile her, dennoch interessant!

    Grüße
    Adrian

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