Stellungnahme zum Deal zwischen Microsoft und OIEC

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In Reaktion auf die am 25. Mai diesen Jahres veröffentlichte Ankündigung Microsofts (wir berichteten), nach einem Abkommen mit dem „Catholic International Education Office“ (OIEC) künftig weltweit katholische Bildungseinrichtungen mit MS Office 365 versorgen zu dürfen, hat LUKi e.V. in Zusammenarbeit mit der FSFE (Dank an Thomas Jensch!) dazu eine schriftliche Stellungnahme verfasst. Diese wurde inzwischen per Mail und per Brief an maßgebliche Mitglieder der OIEC in allen Erdteilen verschickt. Die OIEC ist die Dachorganisation aller katholischen Schulen und Bildungsinstitute.

Hier der Brief von LUKi an das OIEC im Wortlaut:

 

Sehr geehrter Generalsekretär,

mit großer Verwunderung haben wir die Pressemitteilung der Firma Microsoft vom 24. Mai diesen Jahres bzgl. eines umfangreichen Nutzungsvertrages mit dem „Catholic International Education Office“ (OIEC), dem auch die Deutsche Bischofskonferenz angehört, zur Kenntnis genommen.

Laut dieser Pressemitteilung [1] wurde ein Rahmenvertrag mit der Firma Microsoft abgeschlossen, der zunächst für 4,5 Millionen Schüler und Studenten das Produkt „Office 365“ lizenziert. Microsoft strebt darüber hinaus eine Vermietung an alle durch die OIEC vertretenen Institutionen mit über 43 Millionen Studierenden an.

Der eingetragene Verein LUKi setzt sich seit 10 Jahren durch Tagungen, Workshops und aktive Teilnahme an den Katholiken- und Kirchentagen für die Verwendung Freier Software im kirchlichen Alltag ein.

Freie Software bezeichnet hier das Recht der Benutzer, die Software ohne Restriktionen zu nutzen, d.h. die Verbreitung, der Einsatzzweck und auch die Anpassung der Software werden vertraglich nicht verhindert. Der europäische Marktführer im Bereich Internet-Browser „Firefox“ ist beispielsweise Freie Software. Städte etwa wie München, Diözesen wie das Bistum Würzburg und andere Städte, Verbände und Institutionen setzen seit Jahren auf die Freie Officesoftware „OpenOffice.org“ (vergleichbar mit „Office 365“).

Die Vorteile dieser Entscheidungen für Freie Software liegen auf der Hand. Der Zugriff auf den Programmcode ermöglicht Anpassungaufträge durch regionale IT-Mittelständler, aber auch die mit der Software erstellten Inhalte sind nicht in einer Insellösung „gefangen“, sondern können von unterschiedlichen Programmen bearbeitet werden. Im Bereich Textverarbeitung ist dies u.a. mit den beiden Komplettlösungen OpenOffice und LibreOffice möglich.

Laut Selbstdarstellung fühlt sich die OIEC der „Bildung und Erziehung für alle“ verpflichtet. Gerade daher sind wir sehr erstaunt, dass die OIEC auf proprietäre Insellösungen setzt.

Dokumente und ganz allgemein Inhalte können nur vom besagten „Office 365“ geöffnet werden, da die zugrundeliegenden Dateiformate Betriebsgeheimnis der Fa. Microsoft sind. „Office 365“ ist darüber hinaus nur für das Betriebssystem „Windows 7“ verfügbar, welches – wie Sie vielleicht mitunter selbst festgestellt haben – aktuelle und leistungsstarke Computer erfordert.

Als Glieder der einen weltweiten Kirche wissen wir um unsere privilegierte und sorgenfreie Ausstattung im IT-Bereich im reichen Teil der Erde. Unsere Vereinsmitglieder stehen mit den Brüdern und Schwestern des globalen Südens im Austausch und konnten sich auf Reisen teilweise selbst einen Überblick verschaffen.

Der in der Pressemitteilung angedeutete Vertragsumfang geht daher unserer Ansicht nach an den Fakten vor Ort vorbei: gerade den ärmeren Ländern des Südens fehlt eine ständig verfügbare Internetverbindung, die für „Office 365“ aber zwingend notwendig ist.

Auch die unumgehbaren Folgeinvestitionen (leistungsstärkere Computer, Windows 7 Lizenzen) werden unserer Meinung nach den, auch von der UNO des öfteren beklagten, „digital divide“ [2] eher noch verstärken und gehen am Bedarf der ärmeren Länder vorbei.

Darüber hinaus zeichnen sich in den technisch ausreichend ausgestatteten europäischen, insbesonders jedoch deutschen Diözesen, durch die Online-Speicherung der mit „Office 365“ erstellten Inhalte auf Servern der Fa. Microsoft gem. §11 BDSG deutliche rechtliche Risiken ab.

Im gemeinsamen Ringen um eine gerechte Welt mit fairem Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien begleiten wir daher die Arbeit des Internationalen Katholischen Bildungsbüros und möchten unsere Expertise als katholische IT-Fachleute in den Prozess einbringen und dafür werben, gerade im Raum der Kirchen verstärkt auch informationsethische Aspekte in den Entscheidungen zu berücksichtigen.

Zunächst stehen uns leider außer der Pressemitteilung nur wenig weitere Informationen zur Verfügung. Wir bitten Sie daher freundlich, uns zu folgenden Fragen nähere Auskünfte zu erteilen:

  • Wie ist das Projekt entstanden?
  • Gab es eine Ausschreibung und ein Lastenheft? Falls ja: Können sie uns diese und weitere detaillierte Informationen zum Projekt zur Verfügung stellen?
  • Gab es entprechend den Anforderungen noch andere Gebote?
  • Mit welcher Begründung hat sich die OIEC dann letztlich für „Office 365“ entschieden?
  • Welche Institutionen werden/sollen „Office 365“ in Zukunft nutzen?
  • Welche Rolle haben wirtschaftliche Erwägungen gespielt?
  • Dienstleistungen wie Wartung und Support für Freie Software werden auch stark von mittelständischen, in der Region verwurzelten Firmen angeboten. Mit der Entscheidung für Freie Software wird wichtigen Aspekten der „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ Rechnung getragen: Das investierte Kapital verbleibt bei regionalen Firmen und somit den Menschen, die in der Region leben und mit ihr verbunden sind.
  • In diesem Sinn muss sich wirtschaftliches Handeln auch immer an moralisch-ethischen Grundregeln messen. Inwieweit wurden in die vorliegende Entscheidung solche Überlegungen mit einbezogen?
  • Wir geben zu bedenken: Ausbildung an proprietären Programmen wie „Office 365“ ist bestenfalls Produktschulung und fördert die Macht einer Firma, die ein Marktmonopol aufgebaut hat und dieses auch weitweit ausnutzt.[4]
  • Der Einsatz Freier Software jedoch ermöglicht Grundlagenschulung und ermutigt die Schüler zum eigenständigen Entwickeln von Lösungsansätzen. In der Informationsgesellschaft ist der Umgang mit Computer(-programmen) zu einer wichtigen Kulturtechnik geworden. Die Freiheiten von Open Source bzw. Freier Software fördern und fordern die soziale Kompetenz der Schüler. Christliche Werte wie das Teilen von Gaben und das Leben in Gemeinschaft sind damit auch im 21. Jahrhundert erfahr- und erlebbar.
  • Sind diese Überlegungen in die Prüfung der Angebote eingeflossen?

Unter anderem das „Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik“[5] publiziert Studien zu den strategischen Vorteilen Freier Software. Mittel- und Südamerika, insbesondere Brasilien, sind ebenfalls sehr engagiert in der kritischen Analyse. Der Lutherische Weltbund äußert sich in seinem 7-Jahresbericht für die Vollversammlung 2010 positiv über Freie Software.

Sind diese oder ähnliche Studien mit in die Beratungen eingeflossen?

Wir berufen uns und verweisen abschließend auf einen wegweisenden Text des „Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel“ [6], der schon 2002 folgende Empfehlungen ausspricht:

„Was nun die Medientechnologie — und vieles andere — betrifft: »Es gibt einen dringenden Bedarf an Gerechtigkeit auf internationaler Ebene«. Es ist entschlossenes Handeln auf dem privaten und dem öffentlichen Sektor nötig, um die »digitale Kluft« zu schließen und schließlich ganz zu überwinden. […] Insbesondere beansprucht die Frage, wie die digitale Kluft zwischen »Informationsreichen« und »Informationsarmen« geschlossen werden kann, sofortige Aufmerksamkeit in ihren technischen, erzieherischen und kulturellen Aspekten.“

Wir freuen uns über eine Stellungnahme Ihrerseits sowie von Seiten der OIEC und stehen für Dialog, Rückfragen und Unterstützung sehr gerne zur Verfügung.

Weitere Informationen zum Thema „Freie Software im Bereich der Kirchen“ finden Sie u.a. auf unserer Internetseite: https://luki.org/2010/11/freie-software-chance .

Mit freundlichen Grüßen

LUKi e.V.
Linux User im Bereich der Kirchen
Ulrich Berens (1. Vorstand)

– Anlagen

[1] http://www.microsoft.com/en-us/news/Press/2012/May12/05-24CIEPR.aspx
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/World_Summit_on_the_Information_Society und http://www.freie-gesellschaft.de/wiki/Digital_Divide
[3] Bei „Office 365“ handelt es sich keinesfalls um ausgereifte Software. Laut Firmenangaben ist die Veröffentlichung für das 3. Quartal 2012 geplant. Vergangene Erfahrungen mit Microsoft im Blick, wird die OIEC hier wohl auch als „Versuchskaninchen“ benötigt. Zu beachten ist, dass noch nicht gereifte Software den Administrationsaufwand kundenseitig deutlich erhöht. Gerade im Bildungsbereich kann sich dies sehr negativ auswirken.
[4] Die Fa. Microsoft wurde wiederholt aufgrund Missbrauchs der Monopolstellung zu hohen Strafen verurteilt. s. http://www.welt.de/wirtschaft/article1189480/Kommission-feiert-den-Microsoft-Praezedenzfall.html
[5] https://www.bsi.bund.de/ContentBSI/Themen/FreieSoftware/index_htm.html
[6] http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/pccs/documents/rc_pc_pccs_doc_20020228_ethics-internet_ge.html#EMPFEHLUNGEN%20UND%20ZUSAMMENFASSUNG

Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz

Screenshot aus einem Promotions-Video von Microsoft zum Deal mit dem OIEC
Screenshot aus einem Promotions-Video von Microsoft zum Deal mit dem OIEC

Eine Reaktion erfolgte rasch seitens der Deutschen Bischofskonferenz, die mit ihren Bildungseinrichtungen Mitglied der OIEC ist. Dr. Lukas Schreiber bedankte sich  in einem Brief vom 19. Juli an LUKi im Namen von Erzbischof Becker, dem Vorsitzenden der Kommission für Glaube und Bildung, für das Engagement von LUKi und „für die kritischen Anfragen und Hinweise“ in unserem Schreiben und empfahl, die „artikulierten Probleme“ und „mögliche Alternativen“ dem Generalsekretär der OIEC direkt vorzutragen – was LUKi zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem eigenen Schreiben an die OIEC in Brüssel getan hatte.

Interessant sind zwei Punkte: An die von Microsoft stolz verbreitete Vereinbarung mit dem OIEC sind laut Aussagen Dr. Schreibers weder die Dt. Bischofskonferenz noch die über 300 Träger katholischer Schulen in Deutschland gebunden. Und zum zweiten scheint der Deal zwischen dem OIEC und dem Redmonder Software-Konzern selbst die OIEC-Mitglieder überrrascht zu haben, denn diese wurden erst informiert, als der Vertrag unter Dach und Fach war.

Damit ist die Kuh natürlich nicht vom Eis. Insgesamt scheint Microsoft über eine gute Vernetzung in der katholischen Kirche zu verfügen, (Freie) Alternativen jedenfalls wurden offenbar nicht in Erwägung gezogen.

Wir bleiben dran.

Ulrich Berens

Mein Name ist Ulrich Berens, ich bin einer der Gründer von LUKi und derzeit Vorsitzender von unserem Verein LUKi e.V.. Nicht nur privat, sondern auch dienstlich benutze ich seit 1998 Linux und beweise damit, dass sich Linux in einem kirchlichen Büro problemlos einsetzen lässt. Auf identi.ca und Twitter bin ich privat als @infoleck unterwegs, auf unserem LUKi-eigenen sozialen Netzwerk churchy und auf Diaspora bin ich auch vertreten. Mein privater Blog findet sich unter: www.berens.net und mein Fotoblog unter: www.ulrich-berens.de. Berufliches findet sich unter familienseelsorge.de und neue-gespraeche.de.

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