Open Source und Gnade. Eine unfertige theologische Miniatur.

„Das ist gratis“ – das höre ich oft, wenn es um freie Software oder auch um Content geht, der unter einer freien Lizenz im Internet zum Download bereit steht. Juristisch streng genommen stimmt das nicht, denn diese alternativen Modelle des Teilens im Internet räumen Nutzungsrechte ein, aber sie übertragen keine Eigentumsrechte. Und doch: Ich habe, wenn beim Download etwas bekommen ohne dafür etwas geben zu müssen – ein Geschenk. Als Theologin ist es angemessen, hier in einem größeren Kontext an der theologischen Begriff der Gnade zu denken. Der italienische Jesuit Antonio Spadara, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat, schreibt in diesem Kontext:

„’How much?‘ and suddenly the spotlight focuses on all of those who ‚take‘, but not those who ‚receive‘. A freebie is what you can freely take. The gratia gratis data instead cannot be ‚taken‘ but can be ‚received‘, and it is constantly in a relationship outside of which no one wouldunderstand its meaning. Grace is not a ‚freebie‘, indeed, to quote Bonhoeffer, it is ‚expensive’“. (Spadaro, Antonio, Exploring the links. Christian Spirituality and the digital environment. Unveröffentlichtes Paper zum Vortrag auf der European Christian Internet Conference, Rom, 12. Juni 2012).

Diese „expensive“ würde ich zuallerst praktisch einmal so verstehen, dass mich die Nutzung von freier Software oder Creative-Commons-Content dazu verpflichtet, etwas in dieses kooperative System des Austausches zurückzuspielen. Ich kann nicht programmieren, da kann ich nichts beitragen – aber ich kann z.B. Entwickler_innen präzise Fehlermeldungen schicken und ihnen so bei der Arbeit helfen. Ich kann fotografieren und schreiben und diese kreativen Inhalte Anderen unter einen freien Lizenz zur Verfügung stellen. Ich kann mithelfen, die Vorteile dieser alternativen Modelle der Zusammenarbeit bekannt zu machen.

Doch da ist noch mehr: Mein Leben ist ein Geschenk. Jeder „kostenlose“ Download könnte Gelegenheit sein mich daran zu erinnern. Der Befreiungstheologe Leondard Boff fragt:

„Wie können wir eine Reflexion und eine Sprache entwickeln, die uns die Gnade Gottes, in der wir bereits leben, bewusst machen und uns dabei helfen kann, die Gegenwart Gottes und seiner Liebe in der Welt zu entdecken und zwar unabhängig davon, dass wir sie reflektieren und von ihr sprechen? Gnade fängt ja nicht erst an, wenn wir von ihr sprechen. Wir können von ihr sprechen, weil es sie zuvor schon in unserem Leben gegeben hat. Daher erleben wir wirklich Gnade und Gegenwart Gottes, ohne dass wir sie so nennen. … Wir befinden uns bereits im milieu divin der Gnade“ (Boff, Leonardo, Erfahrung von Gnade. Entwurf einer Gnadenlehre, Düsseldorf 1978, 18)

Ich frage mich, wie es gelingen kann, diese Frage neu im Kontext digitaler Kulturen zu beantworten. Freie Software und freie Lizenzen schaffen da jedenfalls kreative Anknüpfungspunkte für die Theologie.

„Open Source Water“ Beitragsbild/Bildquelle : Niels Heidenreich, flickr.com, lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 2.0 Generic Lizenz.

über die Autorin
Andrea Mayer-Edoloeyi ist Social Media Managerin der Katholischen Kirche in Oberösterreich und der Katholischen Aktion OÖ. Sie bloggt unter http://andreame.at

3 Gedanken zu „Open Source und Gnade. Eine unfertige theologische Miniatur.

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