Das deutsche Bildungssystem im Visier der Lobbyisten

Das Kürzel FWU kennt wohl jeder, der in Deutschland eine Schule besucht und dort jemals einen bildungsgesättigten Film vorgeführt bekommen hat. FWU steht für „Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ und ist laut Satzung  eine „gemeinnützige Gesellschaft“ der Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland. Das FWU „verfolgt den Auftrag, Medien für die Bildung zu produzieren. Damit verbunden ist auch die Durchführung verschiedener Projekte und Dienstleistungen, wie zum Beispiel die Entwicklung mediendidaktischer Standards. Das Angebot des FWU richtet sich in erster Linie an Schulen und Medienzentren.“, so heißt es auf der Webseite der Organisation.

Das FWU hat mit der Firma Microsoft insgesamt drei Vereinbarungen zum Bezug kostengünstiger Software und zum verbilligten Einkauf von Hardware abgeschlossen. Dies geschah bereits im Jahr 2010. Auf der Homepage der FWU wird dargestellt, dass „die Beschaffung von Software nicht nur deutlich vereinfacht (wird; Red.), sondern auch enormes Einsparpotenzial beinhaltet“. Weiter heißt es: „Der Vertrag ist deutschlandweit gültig und basiert auf der Lizenzierung (Leasing) von Software. Bezugsberechtigt sind Kitas, allgemeinbildende Schulen, Berufsbildende Schulen sowie übergeordnete Verwaltungseinrichtungen (Schulämter, Ministerien)…“

Und weiter: „Im Jahr 2011 wurde eine Vereinbarung zum Kauf verbilligter Software für Schülerinnen und Schüler abgeschlossen. Die Vereinbarung ermöglicht es Schülerinnen und Schülern der allgemein- und berufsbildenden Schulen über den Microsoft-Handelspartner co.Tec Software zu günstigen Konditionen zu beziehen.“

Schule PC
By: Karl-Ludwig G. Poggemann

2013 setzten FWU und Microsoft noch einen drauf: „Seit Januar 2013 gibt es eine neue Vereinbarung. Diese ermöglicht es allgemein- und berufsbildenden Schulen in öffentlicher Trägerschaft, neue Hardware zusammen mit dem Betriebssystem Windows 8 Pro zu günstigen Konditionen zu beziehen.“

Ich meine, das Beispiel FWU zeigt, wie früh und wie tief die Lobby-Arbeit von Anbietern proprietärer Softwarelösungen greift. Ab der Kita ist der spätere PC-Nutzer in spe schon im Visier von Microsoft und Co. (die FWU hat auch Abkommen mit anderen Firmen, etwa Adobe). Das Schulumfeld wird unter dem Qualitätssiegel der FWU benutzt, um neue Windows-Betriebssysteme zu pushen – am besten in bewährter Weise gleich mit Hardware-Bundle.

Dass ein objektiver, unabhängiger Unterricht Computing in seinen Ausdifferenzierungen als systemunabhängige bzw. systemübergreifende Kulturtechnik, nicht aber als monostandardisierende Firmenlösung vermitteln sollte, bleibt die FWU den Schülern und ihrem eigenen Auftrag schuldig. Proprietäre Software quasi durch Rahmenverträge zu mediendidaktischen Standards zu erheben, ist der falsche Weg und produziert auf Kosten der Wahlfreiheit microsoftorientierte Computer-Konsumenten. Auch die Frage der Sicherheit fällt in Zeiten des NSA-Skandals rahmensvertragsselig leider völlig weg. Das „Ende der Kreidezeit“ nur mit Micorosft-Software und gebundelter Hardware an den Schulen einzuläuten, zeugt von einer sehr einseitigen und verengten Auffassung von zeitgemäßer Bildung.

Vermutlich ist es falsch, auf die FWU einzudreschen, aber dieses Beispiel ist so symptomatisch! Dahinter steckt natürlich eine Politik (die der Kultusministerkonferenz), die hoch anfällig ist für Lobbyismus. Die Verwendung freier und quelloffener Software im öffentlichen und im Bildungssektor sollte auch in Deutschland endlich Standard werden. Sonst werden in Zukunft weiterhin die Bildungseinrichtungen vor finanzstarken Lobbyverbänden in die Knie gehen.

Wie sehr Microsoft da weltweit agiert und sich die Einflussnahme auf Lehrer und Schüler richtig etwas kosten lässt, zeigt das Video am Schluss: am 14, März ist das „Microsoft in Education Global Forum“ in Barcelona zu Ende gegangen. Die bisher größte Veranstaltung dieser Art brachte laut Microsoft „mehr als 1.000 der innovativsten Pädagogen und Schulleiter aus über 90 Ländern“ zusammen. Wobei „innovativ“ natürlich übersetzt „nutzt Microsoft-Software“ heißt.

Es ist wahr: Education sells.

Update 01. Juli 2014

Ergänzend zu diesem Beitrag ein Video von einem Vortrag von Sebastian Seitz auf der ubucon 2011 in Leipzig, in dem es um den Einsatz Freier Software – in diesem Fall ubuntu – im schulischen Umfeld geht. Sebastian Seitz geht hier sehr schön auch auf die „ideellen“ und pädagogischen Gründe ein, die den Einsatz Freier Software in der Schule sinnvoll erscheinen lassen. Sebastian Seitz ist Pädagoge und betreibt einen Blog, in dem er sich mit „Open Source und Bildung“ auseinandersetzt.

Ulrich Berens

Mein Name ist Ulrich Berens, ich bin einer der Gründer von LUKi. Nicht nur privat, sondern auch dienstlich benutze ich seit 1998 Linux und beweise damit, dass sich Linux in einem kirchlichen Büro problemlos einsetzen lässt. Auf Twitter bin ich privat als @infoleck unterwegs, auf Mastodon ebenfalls (@mastodon.social). Mein privater Blog findet sich unter: www.berens.net und mein Fotoblog unter: www.ulrich-berens.de. Berufliches findet sich unter familienseelsorge.de und neue-gespraeche.de.

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3 Kommentare zu “Das deutsche Bildungssystem im Visier der Lobbyisten

  1. Ubuntu im Schulalltag. Da spricht ja der Blinde von der Farbe. Die Argumentation für Linux ist aus meiner Sicht in den meisten Punkten nicht stichhaltig. Alleine schon die aufgeführten angeblichen jährlichen Kosten für Microsoft. Aus meiner Sicht ist gerade der gesamte administrative Aufwand eines Windows-Ökosystems geringer als bei einem Linux-Ökosystem. Fangen wir mal bei Benutzer- und Sicherheitsverwaltung über Gruppenrichtlinien. Unsere Schule hat leider nicht die personellen Ressourcen um Lösungen zusammenzufrickeln. Ich habe keine Lust mich ständig mit der Linux-Community auseinanderzusetzen. Die Systeme müssen laufen. Und freie Software im Unterricht lässt sich heute als virtuelle Maschine problemlos alternativ einsetzen. Oder die Gegenüberstellung von Photoshop against Gimp. Mein Gott, wo kommt der den her. Ich habe unter Windows endlos freie Software. Wir nutzen Paint.net! Und das hat nicht die Komplexität von Gimp.

  2. Hey Hardy,

    habe gerade deinen Kommentar gelesen. Ich stimme dir zu dass es unter Linux nicht immer rund läuft, aber unter Windows sieht die Sache auch nicht besser aus. Am Gymnasium meiner Töchter läuft zwar noch Windows, aber fast alle Produktivprogramme sind „Freie Software“ und ich meine jetzt nicht kostenlose oder alte Versionen von der Ramschtheke. Wenn die Schüler ab der Klasse 5 direkt an Libreoffice gewöhnt werden, mittels Elektronischer Schultasche haben sie die selbe SW zu Hause, wie auch in der Schule, dann fällt denen gar nicht auf was sie da nutzen.
    In einer Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen“ habe ich gerade selber erlebt, dass die Umstellung von Office2000 auf Office2007 sowohl für Lehrer als auch für die Schüler ein Fiasko war, bei dem die bezahlten Admins nachher reif für eine Therapie waren und ich in ehrenamtlicher Arbeit versuche den Schülern das Programm so zu vermitteln dass sie zumindest Texte schreiben können, speichern wird schon zur Herausforderung.

    Nicht lachen, teilweise machen die Schüler aus Bequemlichkeitsgründen ein Screencopy und speichern diesen im gewohnten Pfad als die eigenartige Menüstruktur vom Office zu nutzen .

    Also, jeder mag sein System, wenn du besser mit MS-Produkten fährst, OK, ich kenn‘ aber mittlerweile doch einige die ein Linuxsystem viel charmanter finden 🙂

  3. Hallo Hardy,
    ich möchte gar nicht auf jeden Punkt deines Kommentars eingehen. Ich bin Systembetreuer einer Grundschule mit ca 35 PCs (Verwaltungsnetz, pädagogisches Netz) in einem gemischten System (Windows und LInux). Die Windowsrechner verursachen mit einem vielfachen Abstand einen erheblich größeren Verwaltungsaufwand als unsere Linux-Rechner. „Lösungen“ für die Linux-Systeme brauche ich nicht „zusammenzufrickeln“. Die Rechner laufen out-of-the-box – ganz im Gegensatz zu Windowsrechner! Wenn es nach mir ginge, würden wir alle Windows-PC entsorgen und ganz auf Linux umsteigen.
    Viele Grüße
    Peter

    PS: Gruppenrichtlinien in einer Windowsdomäne sind die Höchststrafe für Systembetreuer 😉

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