Mobil in die digitale Freiheit (1)

TL;DR – Unser digitales Leben ist fest in der Hand großer Konzerne. Die einzige Chance auf digitale Freiheit besteht darin, freie Anwendungen zu etablieren. Oder vielleicht doch noch als Gemeinschaft eine alternative, nachhaltige Plattform zu entwickeln.

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Die Bibel – 2. Korinther 3,17

Um die durch Pfingsten eingehauchte christliche Freiheit auch im digitalen Raum zu stärken, setzt sich der LUKi seit ca. 2001 für die Verwendung von Linux als Freier Software bei den Betriebssystemen ein. In diesem Jahr 2021 laufen Webserver weltweit zu 75,3% mit Unix, davon vermutlich der allergrößte Teil mit GNU/Linux (vgl. die Entwicklung bei den Supercomputern und Mainframes). Ebenfalls 70,8% der Tablets und Smartphones laufen mit dem Linux Kernel – unter Android.

Auf dem klassischen Desktop-PC werden jedoch nur 2,87% der Geräte mit Linux betrieben, der digitale Markt für Endanwender:innen ist fest in der Hand weniger großer Konzerne. Was ist passiert?

Die großen Tech-Giganten (GAFA bzw. GAFAM) haben verstanden, dass sich im Server- und im mobilen Markt mit der Nutzung von Open-Source-Software (OSS) große Synergien und schnelle Wachstumsraten erzielen lassen. Doch durch die Bindung der Nutzer:innen an Hardware und Datendienste, die die Konzerne für ihre Profite ausschöpfen, verliert die Nutzerin die Freiheit, über ihre Daten(nutzung) selbst zu entscheiden. Für die Konzerne gilt daher mit dem Erfolg der Smartphones das Prinzip „web first“ bzw. „mobile first“: 56% des weltweiten Internetverkehrs gehen inzwischen auf mobile Geräte zurück. Wenn man sich die Nutzung von Facebook anschaut, sind es angeblich sogar 95,1% (sic!), bei Twitter immerhin 86% (Quelle).

Ist die digitale mobile Freiheit damit verloren? Manch Open-Source-Enthusiast wird einwerfen, dass Android doch als Unterbau den Linux-Kernel verwendet und selbst zu großen Teilen quelloffen ist. Doch diese Argumentation überzeugt mich nicht. Zum einen nutzt Google diese Technik massiv, um an die Daten seiner Nutzer:innen zu kommen, zum anderen ist die Steuerung des Projekts ausschließlich Googles Sache. Projekte wie LineageOS und /e/ OS der e.foundation versuchen freie Varianten von Android zu veröffentlichen. Doch so lobenswert die Initiativen mir scheinen – auf Dauer mit der Entwicklungsgeschwindigkeit des Weltkonzerns mitzuhalten bzw. den Code überhaupt regelmäßig durchsehen zu können, halte ich kaum für möglich. Android 8 z.B. soll bereits knapp 15 Millionen Zeilen Code in Java und gut 11 Millionen Zeilen Code in C++ umfasst haben. (Die Relationen von Code-Umfang werden hier schön visualisiert. Achtung, von 2015 (!)).

Zahlreiche Mitbewerber, die sich auf dem mobilen Markt versucht haben, sind passé. Von Maemo bis Tizen, WebOS, Firefox OS und Ubuntu Touch existieren die meisten nicht mehr oder haben maximal eine proprietäre Nische gefunden. Ubuntu Touch (das „mobile Betriebssystemprojekt“ der Ubuntu-Macher Canonical) existiert immerhin noch als Community-Projekt auf Basis einer eigenen Stiftung. Edit (6.6.2021): Neuerdings existiert immerhin das aus Deutschland stammende Volla Phone als moderne Hardware für das Projekt. Dass aber generell so wenig Geräte für den Einsatz unter Linux geeignet sind, hat auch damit zu tun, dass Android-Geräte so mit „Blobs“ (also mit proprietären, lizensierten Softwarebestandteilen) zugenagelt sind, dass idR. trotz des Linux-Kernels tatsächlich nur Android auf den Geräten läuft. Für die Apple-Geräte gilt das ohnehin.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hat der LUKi 2017/2018 mit dem LibreChurch-Projekt begonnen, das vormacht, wie Freie Software-Anwendungen unabhängig vom Linux-Desktop über das Internet auch auf mobilen Plattformen betrieben werden können.

Gibt es neben diesem Ansatz keine andere Möglichkeit? Die global orientierte Marktmacht der Tech-Konzerne sowie die Geschichte der mobilen Betriebssysteme scheint das nahe zu legen.

Gäbe es da nicht Idealisten, die neben der Idee einer Utopie von mobiler digitaler Freiheit auch ausreichend Pragmatik haben, um sie umzusetzen. Wie nachhaltig diese Initiativen sind, ist derzeit noch offen.

Mit dem PinePhone jedenfalls existiert seit einiger Zeit ein günstiges Smartphone für Entwickler:innen, auf dem ein vollständig freies GNU/Linux-System läuft. Das Gerät ist explizit nicht als Produkt für Endanwender:innen gedacht. Es ermöglicht Freie-Software-Entwickler:innen jedoch überhaupt die Interaktion mit Smartphone-Hardware zu erkunden.

Mit dem Librem 5 schließlich gibt es erstmals ein Gerät, das nicht nur (einmal) für Endanwender:innen gedacht sein soll, sondern auch auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufsetzt. Dieses Gerät ist alles andere als fertig im Sinne von „marktreif“, macht aber wegen seines Ansatzes manche Hoffnung. Mehr Details vielleicht in einem späteren Beitrag. Nur so viel: Purism ist eine Social Purpose Corporation, die von Todd Weaver gegründet wurde, weil er wollte, dass seine 2007 und 2009 geborenen Töchter auch in der digitalen Welt einmal freiheitliche Bedingungen vorfinden. Um dieses Ziel zu erreichen setzte er, beginnend im Jahr 2014, einen Business-Plan strategisch um, bei dem die Produktion und der Verkauf von Laptops die Entwicklung eines freiheitlichen Smartphones finanzieren sollte. Allein dass dieses Smartphone seit dem Jahr 2019 existiert, macht Hoffnung.

Update: In einem zweiten Beitrag beschreibe ich die strategischen Entscheidungen für die Softwareentwicklung des Librem 5.

Johannes Brakensiek

Lebt mit seiner Familie in Duisburg-Walsum, ist Pfarrer und Freund von Freiheit, Transparenz, Nachhaltigkeit und Allgemeinnützigkeit. Auch bei Software. Das hätte vermutlich schon der Apostel Paulus so gehalten: "Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind." Gal. 5,1

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3 Kommentare zu “Mobil in die digitale Freiheit (1)

  1. Ja, es ist traurig. Leider beschäftigen sich viel zu wenige Leute damit und laufen einfach dem Leitschaf Google hinterher und merken nicht, wie sie „gemolken“ werden. Ich habe mir immer ein Linux-Handy gewünscht, aber freie Alternativen sind teilweise schweineteuer. Darum habe ich mir vor einiger Zeit ein Pinephone geholt, wurde aber ziemlich enttäuscht. So kann man den code *100# für den Prepaidkontostand nicht eingeben und somit weiß man auch nicht wieviel Guthaben man hat. Wenn man den Kontostand per Anruf abfragen kann, dann kann man keine Ziffer eingeben und die Auswahl zu treffen und der Telefoncomputer bleibt dann in der Schleife hängen und man bekommt seinen Kontostand nicht angesagt. Wie blöd ist das denn! Die Signal apk läuft auf dem Handy läuft auch nicht und die Alternative kann fast nichts außer Nachrichten im vorsinnflutlichen SMS-Textstil zu versenden. Ob die Nachricht angekommen ist, sagt mir diese App mit dem kryptischen Namen, deshalb habe ich ihn auch wieder vergessen, nicht. Und noch ein paar andere Mängel, darum habe ich das Handy gefrustet in die Ecke geschmissen und wieder mein Android-Handy rausgekramt obwohl ich weiß das Tante Google mich auf Schritt und Tritt überwacht auch wenn ich die GPS-Funktion ausgeschaltet habe. Darum habe ich auf der Europa-Plattform auch mal meinen Vorschlag eingereicht, aber den nimmt wohl auch niemand wahr:
    https://futureu.europa.eu/processes/Digital/f/15/proposals/576#comment_2950

  2. Hallo Horst,
    danke für deine Rückmeldung und dein Engagement!
    Den Frust mit dem PinePhone kann ich verstehen – und der würde vermutlich auch bei einem teureren Gerät (wie dem Libem 5) eintreten: Das PinePhone soll weder Android-Anwendungen ausführen noch „funktionierende“ Software bereitstellen. Im Moment würde ich es tatsächlich als „rohe“ Hardware betrachten, die Entwickler:innen überhaupt erst die Möglichkeit gibt, Software zu schreiben, die (irgendwann hoffentlich einmal) funktioniert.
    Viele Grüße und noch einen schönen Sonntagabend!
    Johannes

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