LUKi bringt implizit innere Bilder von Kirche näher

LUKis – die Linux User in den Kirchen sind ja in ganz unterschiedlichen Traditionen des Christentums beheimatet. Das wurde beim letzten Jahrestreffen in Bad Hersfeld bei einem gemeinsamen Gottesdienst als belebender Reichtum spürbar. Da waren katholische, evangelische und freikirchlich beheimatete Menschen beieinander und konnten gestützt von den modernen Liederbüchern dort im Gottesdienstraum dieser Jugendbildungsstätte miteinander singen, beten und auf das Wort Gottes mit Hilfe des Zugangs des Bibelteilens hören.

In so einem Miteinander werden dann Grenzen zwischen den Konfessionen gewisser Maßen untertunnelt. Es taucht etwas auf, was Kirche ist, anders natürlich als im amtlichen Gottesdienst einer Gemeinde einer speziellen Konfession. Dieses Miteinander wird dann auch in Dialogräumen, die im Umfeld von LibreChurch verfügbar werden, gepflegt, d.h. ein Austausch über die Grenzen von Konfessionen hinweg zu Fragen von Kirche-sein, von persönlichem Glauben und weiteren Anliegen.

Die Entstehung von Linux und im weiteren Sinn von Freier Software ist an eine Kultur gebunden, die dem Beitragen, dem Teilen, dem Geben mehr Bedeutung gibt. Das wird schon in einer Betrachtung von Eric Raymond deutlich, der von einer ,,gift-culture” spricht, einer Kultur des Gebens, als er über die Entstehung dieser Weise Software zu entwickeln, nachdenkt. Mehr dazu z.B. hier: https://openedreader.org/chapter/homesteading-the-noosphere

Als ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal ein Buch von Eric Raymond las, dachte ich, cool, so soll doch das Miteinander von Christen sein – Jesus wird von Paulus in der Apostelgeschichte mit dem Wort zitiert: ,,Geben ist seliger als Nehmen.” Und natürlich färbt die Kultur der Freien Software Szene auch auf Nutzende dieser Software ab, ergibt sich eine Weise des gemeinsamen Zugangs zu Fragen und Anliegen des Alltags.

LUKi kann man als Benutzergruppe sehen und dann schaut man auf das, was dort genutzt wird, und ist bei eher technischen Themen. Man kann aber auch auf die Art und Weise schauen, wie sich dieser Verein organisiert, und landet dann bei Seiten einer Kultur, die sicher geprägt ist von unterschiedlichen kirchlichen Hintergründen, aber auch von dem, was Freie Software stark gemacht hat. Wie bei viele Initiativen im Umfeld des Internets gilt:

  • das Engagement der Vereinsmitglieder ist freiwillig – es gibt keine bezahlten Kräfte
  • es gibt keinen Aufwand für Fund-raising – viele tragen etwas bei
  • konkrete Aktivitäten sind im Blick, wie LibreChurch und Kampagnen, bei denen es einen Schulterschluss mit weiteren Initiativen gibt.

Hat so etwas Zukunft?
Braucht es mehr Professionalisierung, mehr Werbung und Marketing?
Welche Form der Institutionalisierung ist da passend?

Das sind zentrale Fragen für jede Initiative / Bewegung und ein finnisch-amerikanischer Organisationsforscher Martin F. Saarinen hat in den 1980er Jahren ein Konzept vorgelegt, welches gerade auch in Kirchens immer wieder genutzt wird (Saarinen, 1986): The life cycle of a congregation. Es sind also Fragen, die gerade auch für Aufbrüche im Umfeld von Kirchesein vertraut sind. Daher tauchen in manchen Diskursen im Umfeld von LibreChurch diese Themen immer mal wieder auf, vermutlich auch geleitet vom Interesse einiger Teilnehmenden daran.

Wer mit solchen Fragen im Hinterkopf sich etwas umschaut, der kann u.a. bei einer größeren Initiative interessante Entscheidungen wahrnehmen. Seit 1999 gibt es einen Impuls eines IT-lers, Nipun Mehta, aus dem Silikon Valley, der dort herrschenden Gier etwas entgegen zu setzen, nämlich als Praxis, eine Kultur des Gebens – giftivism.

Diese Initiative hat als institutionellen Kontaktpunkt die Seite servicespace.org und legt sich gleichzeitig strenge Beschränkungen auf, um sich nicht Herausforderungen einer starken Administration und dem damit oft einher gehenden Visionsverlust stellen zu müssen. Über 300 000 Freiwillige aus 200 Ländern weltweit vernetzen sich inzwischen so in dem Anliegen, sich bei der Konkretisierung einer Kultur des Gebens, einem Leben, welches von Großzügigkeit bestimmt ist, zu unterstützen. Konkret weist die Initiative auf diese Beschränkungen hin:

  • ausschließlich über Freiwillige zu agieren
  • kein Fundraising zu betreiben
  • klein zu denken, also Menschen zu ermutigen, mit einfachen, kleinen Geste der Güte in ihrem Umfeld zu wirken.

Die Erfahrungen in diesem Raum des Dienstes zeigt, es kann Zukunft haben, auf Professionalisierung in der Administration zu verzichten. Und die Menschen, die sich dort engagieren, erleben, wie die Kultur, die sie fördern, auf das eigene Leben zurückwirkt, den eigenen Fokus verändert. Konkreter:

  • weg von der Frage: Was  brauche ich?  hin zur Frage: Was kann ich beitragen?
  • weg vom Tausch als Grundmuster im Miteinander hin zu einem Vertrauen in das Gute der Menschen;
  • weg von einer Vereinzelung als Individuum hin zu einer Gemeinschaft, die sich miteinander einsetzt, dient;
  • weg von einer Defizitorientierung hin zu einem Blick auf die Fülle dessen, was da ist.

So ein Reframing, wie man heute auch sagt, kann die Lebenszufriedenheit deutlich erhöhen. Denn Vergleichen und andere Mechanismen, die sonst oft das Miteinander von Menschen bestimmen, treten in den Hintergrund und die Erfahrung, etwas zum Wohl der anderen beitragen zu können, spürbarer. Wer sich dafür interessiert, muss dann die eigene Aufmerksamkeit entsprechend lenken. Das gelingt uns Menschen im Miteinander naturgemäß leichter. Im Miteinander können wir dann auf Kooperation setzen, statt auf Konkurrenz. Fragen zum Umgang mit neuen Programmen können dann genauso einfach gestellt werden, wie gemeinsames Überlegen zu Herausforderungen, die unterschiedliche Personen betreffen, bei denen oft noch nicht ganz klar ist, wie ein passendes Vorgehen aussieht.

Interessanter Weise haben wir Menschen ja vermutlich für beides eine Veranlagung, also für eine Konkurrenz, die dann dazu führt, dass man besser sein möchte als… und für die Kooperation, die gerade im familiären Umfeld große Bedeutung hat. In einer Welt, in der es auch die Versuchung gibt, auf Kosten von anderen zu leben, braucht es dann Vorstellung, wie so etwas gut geregelt werden kann. Auch hier kann das Umfeld der Freien Software als Beispiel dienen. Lizenzformen mit Copyleft sichern das Anliegen der Beitragenden für das gemeinsame Wohl und somit auch diesen Kulturwandel, der mit einer inneren Klärung für die Einzelnen einher geht.

Und dann kann dieser Kulturwandel auch in den jeweiligen lokalen Kontexten mehr verankert werden, also auch auf das Kirchesein der LUKis zurückwirken. Das hat Potential. Wer Veränderung möchte, sollte ja auch in der Lage sein, eine solche Veränderung persönlich zu leben. Da ist das Miteinander der LUKis ein Prototyp. Es könnte dazu beitragen, dass im Miteinander einer Gemeinde dann

  • nicht zuerst der Mangel im Blick ist, sondern die Fülle, die die unterschiedlichen Gemeindeglieder mitbringen.
  • Die Erfahrungen aus gemeinsamen Projekten für das Wohl der Umgebung verbindet und stärkt.
  • Das Wissen, von Gott beschenkt zu sein, den Blick schärft und das Vertrauen in das Gute in den Menschen in der Nachbarschaft stärkt.
  • Die Bereitschaft wächst, sich einzubringen, Gottes Gaben nicht für sich zu behalten.

 

HG Unckell

Aktuell Pfarrer in der Diözese Rottenburg - Stuttgart. Davor 11 Jahre als Software-Ingenieur meist in der Qualitätssicherung bei der IBM - ab 1975 in der Datenverarbeitung aktiv - damals Beginn einer Lehre zum mathematisch-technischen Assistenten.

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Ein Kommentar zu “LUKi bringt implizit innere Bilder von Kirche näher

  1. O, lieber HGU, da hast du eine Steinchenlawine ins stille Wasser pastoralen Sterbens geworfen. Viel Namedropping, viel aus deiner Erfahrung mit diesen Ansätzen und ein starkes Gewicht auf dem Jesus-Konzept.
    Danke, sehr viel Dank dafür.
    Den ein oder anderen Hinweis werde ich studieren. Dass auch ein Finne darunter ist, finde ich logisch. Das ist ja das Land, aus dem die Thomasmesse als Konzept für entfernt von der Gemeinde Lebende, auch skeptische Christen gedacht ist. 🙋 ich jetzt so: nicht zu früh von Einwänden stören lassen, erstmal deinen freundlichen Hinweisen folgen.

    Und überhaupt:
    Christsein ist wie Open Source 👀 glauben lernen – miteinander teilen – Charismen einbringen.

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