10 Gründe warum es Linux und Freie Software im Bereich der Kirchen schwer haben

Im kommenden Jahr wird unsere LUKi-Initiative 10 Jahre alt. Kaum zu glauben! Während am Beginn unserer Lobby-Arbeit für Linux und Freie Software beides noch völlig unbekannte Größen waren, ist Linux heute auch in Kirchenkreisen zumindest dem Namen nach ein Begriff.

Wo stehen wir im Bemühen, Linux im Bereich der Kirchen bekannt zu machen?

Zwar verwenden mehr und mehr Kirchen, Verbände, Diözesen und Kirchenbüros Freie Software – hier und da. Der große Durchbruch ist aber am Horizont noch nicht zu sehen – wie in der übrigen IT-Landschaft ja auch.
Ich habe einmal versucht, in zehn Thesen zu formulieren, warum Linux auf Kirchen-Computern nicht in die Puschen kommt. Diese zehn Thesen beschreiben meiner Meinung nach zu einem Gutteil die Arbeitsschwerpunkte von LUKi in der kommenden Zeit und sind ganz bewusst etwas zugespitzt formuliert.

1. Kirchenmitarbeiter haben mehr Technikangst

Auch heutzutage gibt es im kirchlichen Bereich immer noch pc-technikfreie Enklaven. Diejenigen Mitarbeiter, die sich nicht gegen Computer sträuben, freuen sich, eine Maus halten und damit Programme auslösen zu können. Ihr Betriebssystem heißt Word. Mailen geht nur mit Outlook. Veränderungen machen Angst.
Dies trifft zwar auch auf viele Nutzer sonst zu, aber auf kirchliche Mitarbeiter besonders.

2. Es gibt mit Linux keine Erfahrungen

Zwar ist Linux inzwischen fast jedermann ein Begriff (wie wir auf den Kirchentagen gemerkt haben), aber kaum jemand hat sich Linux einmal angeschaut oder es ernsthaft [intlink id=“443″ type=“page“]ausprobiert[/intlink]. Auch das dahinterstehende Prinzip Freier Software ist leider unbekannt.

3. „Gratis-Software“ kann nur unprofessionell sein

Mit teuren „lizensierten“ Programmen zu arbeiten, erzeugt eine Aura von Professionalität, mit der sich vor allem der Unerfahrene gerne schmückt. Im Umkehrschluss heißt das, dass „Gratis-Software“ oder „Freeware“ wie Linux – der Begriff Freie Software ist ja nicht bekannt – etwas für Unprofessionelle ist.

4. In den Kirchen entscheiden die Falschen

LUKiIm Letzten sind es oft kirchliche Mitarbeiter, die eigentlich für einen pastoralen oder sozialen Beruf ausgebildet worden sind, die über die Anschaffung von Hard- und Softwareausstattung entscheiden. Die eigenen Erfahrungen mit PC-Technik und Software beschränken sich auf die in den Punkten 1. bis 3. genannten. Wen wunderts, dass sie im Zweifel gegen Linux votieren?

5. Kirchen haben keine unabhängigen Berater

Sich Berater hinzu zu ziehen, ist nicht das Verkehrteste, wenn man sich als Entscheider in einem bestimmten Fachbereich nicht so gut auskennt (s. Punkt 4.). Auffallend ist jedoch, dass diese Berater in der Vergangenheit stets in [intlink id=“154″ type=“page“]nur einer Richtung[/intlink] beraten haben: Es war proprietär und es war teuer. Es war niemals ein Versuch in Richtung Freie Software. Vermutlich war es deshalb auch professionell (s. Punkt 3.). Es hat allerdings von Außen den Anschein, als seien die Berater nicht besonders unvoreingenommen. Gerne hat man hier auch die Unbedarftheit der Kirchenleute zum eigenen finanziellen Vorteil ausgenutzt.

6. Die ideelle Nähe vom Prinzip „Freier Software“ zum Evangelium ist unentdeckt

Dass sich Freie Software ideell bestens mit dem Evangelium verträgt, ist im Bereich der Kirchen noch nicht (ausreichend) bekannt. Freie Software ist solidarisch, macht unabhängig, bringt Menschen zusammen und dazu, miteinander etwas zu teilen – unentgeltlich. Sie ist im Kern sozial und steht für Kommunikation, Teilhabe, Austausch, Hilfe. Leider sind dies derzeit keine Kriterien, die in die Beratungen bei kirchlichen Entscheidern mit einfließen. Das entsprechende Bewusstsein fehlt und muss noch verstärkt kommuniziert werden.

7. Niemand merkt, dass geschlossene Formate fesseln

Das Bewusstsein, dass innerhalb der Kirchen das Speichern und Austauschen von Informationen in geschlossenen Formaten erfolgt, fehlt völlig. „Wieso? Word haben doch alle?!“
Die Angst, diese geschlossene Format-Welt zu verlassen ist groß. Dass es offene Formate gibt, für deren Verwendung man nichts zahlen muss, ist unbekannt. Die Berater führen gerne das Wort „inkompatibel“ im Mund. Dagegen hilft kein Weihwasser.

8. Niemand setzt sich aus einer christlichen Perspektive inhaltlich mit Software auseinander

LUKi-LogoEin sicher prominentes Beispiel: Nachdem es in der Vergangenheit viele Windows-Schädlinge (vulgo „Viren“) sogar bis in die tägliche „Tagesschau“-Meldung geschafft haben, scheinen für kirchliche Mitarbeiter diese Viren zum Computern irgendwie – leider – dazu zu gehören. Viele Kirchenämter muten ihren PC-Nutzern absurde Sicherheitsverordnungen zu, anstatt in eine sichere Desktop-Landschaft zu investieren. Dass Viren ein Produkt (!) einer Windows-Monokultur sind, bleibt unreflektiert. Ähnlich steht es um die Auseinandersetzung mit dem Hintergrund der Firmen, deren Software auf Kirchen-Computern läuft. Kein Kirchenamt würde einen z.B. wegen Datenspionage vorbestraften IT-Dienstleister an z.B. Kirchensteuerdaten lassen. Dass es Strafen wegen z.T. genau solchem illegalen Vorgehen großer Softwarefirmen gegeben hat, wird von den Kirchen bei der Auswahl ihrer Software weiterhin tapfer ignoriert.

9. Kirchen messen einer guten IT- und Kommunikationstechnik zu wenig pastorale (!) Bedeutung bei

Technologische Entwicklungen werden von den Kirchen gerne mal verschlafen. Dies gilt für den Hardwarebereich wie für die verwendete Software, dies gilt für den Bereich Internet generell wie für den Bereich des wachsenden „Social Web“ speziell: Es werden die damit verbunden pastoralen Möglichkeiten nicht entdeckt oder nicht ernst genug genommen. Dies schlägt sich nieder z.B. in der personellen (Unter-)Besetzung der kirchlichen IT-Supporter ebenso wie in der technischen Ausrüstung der Büros vor Ort.
Nun muss ja nicht überall neueste Hardware stehen. Aber eine moderne Software, die überall läuft (wie Linux) könnte es eigentlich schon sein. Stattdessen hinkt man lieber der Windows-Entwicklung gefühlte fünf Jahre hinterher – mit allen Risiken.

10. Die nächste Sparrunde bringt dann Linux

LUKi siehtViele kirchliche Mitarbeiter haben in der vergangenen Zeit aufgehört nachzuzählen, in welcher Sparrundenschleife sie sich gerade drehen. Eine Pro-Linux-Entscheidung kann leicht als rein finanzielle Verordnung verstanden werden: „Man nimmt uns was weg!“ Anstatt: „Wir gewinnen etwas dazu!“ Damit wäre die Einführung von Linux empfunden als eine Einsparung zu Lasten und ohne Einbeziehung der Mitarbeiter. Einem Wechsel zu Linux stehen also neben den oben genannten vor allem auch psychologische und kommunikative Hürden entgegen. Dies gilt vermutlich überall, aber s. Punkt 1.

Ulrich Berens

Mein Name ist Ulrich Berens, ich bin einer der Gründer von LUKi. Nicht nur privat, sondern auch dienstlich benutze ich seit 1998 Linux und beweise damit, dass sich Linux in einem kirchlichen Büro problemlos einsetzen lässt. Auf Twitter bin ich privat als @infoleck unterwegs, auf Mastodon ebenfalls (@mastodon.social). Mein privater Blog findet sich unter: www.berens.net und mein Fotoblog unter: www.ulrich-berens.de. Berufliches findet sich unter familienseelsorge.de und neue-gespraeche.de.

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5 Kommentare zu “10 Gründe warum es Linux und Freie Software im Bereich der Kirchen schwer haben

  1. Hallo Uli,
    dass hast du mal wieder schön formuliert. Und für mich ist Punkt 10 der tödlichste für jedes alternative Betriebssystem. Nach wie vor müssen wir Wege finden um die sanfte Migration zu gewährleisten.
    Und wenn dies hier und da geschieht und man stolz auf seine Arbeit ist, kommt dann ein Kirchenkreis daher und beschließt die Anschaffung einer Wirtschaftssoftware, welche dann ausschließlich mit IE, O und Konsorten vollständig funktioniert! Argh!!!!

  2. Gut geschrieben! Ich würde noch einen 11. Punkt dazu tun:

    Das Abschneiden alter Zöpfe fällt gerade den Kirchen schwerer als anderen. Es werden ja zum Teil noch Programme eingesetzt, die ihren Ursprung in den guten alten DOS-Zeiten haben.

  3. Danke für diesen super Beitrag, den ich gleich getwittert habe. Es ist schon erstaunlich welch hohe Sensibilität es in den Kirchen für fair gehandelte Produkte oder ethisch verantwortliche Geldanlage gibt und wie wenig für freie Software und Creative Commons. Vielleicht sollten wir diesen Kontext mehr herstellen?

  4. Ja, das sehe ich auch so: wir brauchen deutlich mehr Bewusstsein für diesen Kontext! Denn Software und CC schweben bei den Kirchen anders als Personal, Kaffee, Bananen oder Immobilien (!) in einer Art ethikfreiem Raum.

    Extremes Beispiel: Da kündigt eine deutsche Diözese einer Drogeriemarktkette, die ein Ladenlokal in Kirchenbesitz gemietet hat, weil sie dort Verhütungsmittel verkaufen. – Das Faktum an sich kann man ja sehen, wie man will, aber immerhin handelt Kirche im Rahmen der eigenen Weltsicht konsequent.

    Würde man die gleichen Maßstäbe an die Softwareausstattung legen, hätten wir die Migration auf Freie Software im Bereich der Kirchen bereits hinter uns!

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