Linux: Tux geht in die Kirche

Heute in Zeiten sinkender Budgets und Einkommen spüren auch caritative Organisationen den finanziellen Einbruch, z.B. durch rückläufige Spendenfreude. Gerade die Kirchen gehören zu diesen Organisationen, die zu kämpfen haben, um selbst über die Runden zu kommen und zugleich für die Gemeinschaften um sie herum verantwortlich da zu sein.

Macht es bei stagnierenden oder gar schrumpfenden Budgets für wohltätige Organisationen wie die Kirchen fiskalisch überhaupt Sinn, Geld für „Upgrades“ auf Windows 7 auf den Desktops und Geld für Windows Server 2008 für die Serverlandschaft auszugeben? Ist es für eine Kirche etwa steuerlich sinnvoll, Apple-Systeme einzusetzen?

Nein, so etwas macht finanziell und steuerlich keinen Sinn. Besonders weil es Linux und tausende von Free Open Source Software (FOSS)-Anwendungen gibt, die keine Lizenzkosten und  in ihrer Nutzung keine Freiheiteinschränkungen nach sich ziehen.

In diesem Artikel will ich zeigen, dass eine Kirche oder eine andere caritative Gemeinschaft finanziell von einem Wechsel zu Linux auf dem Desktop und auf den Servern profitieren kann. Diese Optionen sehe ich deshalb, weil in meiner Firma einige Hilfsorganisation und auch Kirchen Kunden sind. Ich bin immer daran interessiert, diesen Organisationen zu helfen, ihre eigenen Kosten zu senken, so dass sie sich mehr auf die Unterstützung Hilfebedürftiger konzentrieren können.

Also, fangen wir mit dem Betriebssystem an.

Kirchen nutzen in der Regel Microsoft Windows XP auf dem Desktop und werden so irgendwann in den nächsten drei Jahren an einem Upgrade auf Windows 7 nicht vorbei kommen, wenn sie weiterhin auf Microsoft setzen. In vielen Fällen bedeutet dies dann den Kauf neuer Computer, auf denen Windows 7 auch laufen kann. Einige Kirchen betreiben teure Microsoft Server-Systeme, etwa als File-Server. Kirchen scheinen nicht zu wissen, dass ein „freies“ Betriebssystem eine echte Alternative ist, die wiederum selbst eine Vielzahl von „freier“ Software mitbringt. Dieses „freie“ Betriebssystem läuft ganz gut auf bereits bestehender Hardware – und natürlich noch besser auf neuer Hardware. Mit älterer Hardware bleibt die einzige Investition die Zeit, die die Kirchen brauchen, um sich mit dem neuen „freien“ System und der neuen „freien“ Software anzufreunden. Es ist naiv zu denken, dass Windows 7 nicht auch einiges Umlernen erfordert. Auch mit neuer Hardware kommen auf die Kirchen mit einem „freien“ Betriebssystem lediglich die Kosten für die Hardware zu plus die Zeit, das neue System zu erlernen.

Klar, dieses „freie“ System ist Linux. Es gibt sicher Systemhäuser vor Ort, die sich freuen würden, Systeme mit vorinstalliertem Linux an eine Kirche zu liefern. Diese Hersteller vor Ort würden sicher auch Unterstützung leisten, wenn sie denn angefragt würden.

Jede heutige Linux-Distribution kann eine gute Basis sein, auf der eine Kirche ihre IT betreiben könnte. Auf dem Desktop würde ich derzeit immer noch die Linuxdistribution Mandriva empfehlen – trotz ihrer Achterbahngeschichte. Mandriva ist eine sehr einfach zu erlernende, benutzerfreundliche Linux-Distribution. Es gibt einfache GUI-Tools im sog. „Mandriva Control Center“, auf die ein Linux-Neuling bei der Einrichtung seines Linux-Systems zurückgreifen kann. An diesem Punkt würde ich empfehlen, den Gnome-Desktop für Endanwender aus dem Microsoft-Lager zu wählen, die eine ausgewachsene GUI bequem bedienen möchten. (Sobald KDE 4.x wieder mindestens so gut wie KDE 3.5.10 ist, käme auch diese Desktop-Umgebung in Frage. Zum jetzigen Zeitpunkt aber kann ich KDE nicht so empfehlen.)

Ein Dateiserver auf einem Linuxsystem kann leicht mit NFS – einem originalen Datenaustausch-System für Unix und Linux – oder mittels SAMBA in Betrieb genommen werden. Wenn ein Kirchenbüro alle Rechner in einer vollständig vertrauenswürdigen Umgebung mit Linux betreibt, dann kann man NFS für den Datenaustausch nutzen. Falls mehr Kontrolle notwendig sein sollte – etwa um Dokumente mit sensiblem Inhalt zu schützen, dann sollte SAMBA mit Benutzerzugriffsrechten verwendet werden. Ein Kirchenbüro kann sogar beides nutzen, da weder das Linuxsystem noch die Software für den Datenaustausch einen einzigen Cent Lizenzgebühren kosten.

Als komfortabler Ersatz für Microsoft Outlook kann im Kirchenbüro Evolution genutzt werden, um Emails zu schreiben. Evolution kann Outlooks „Persönliche Ordner“ (.pst-Dateien) oder von Outlook generierte Export-Dateien (CSV) importieren. Evolution verfügt darüber hinaus über Groupware-Fähigkeiten und bringt die Kalenderfunktionen mit, wegen denen einige Kirchen immer noch an Outlook festhalten.

Wenn eine Kirche Microsoft Office für Texte und Tabellen benutzt, dann sind  auf einem Linuxsystem die ernsthaftesten Anwärter für diesen Zweck OpenOffice.org und die GnomeOffice Anwendungen. (Hingewiesen sei auch auf KOffice, obwohl es derzeit wie gesagt die ungelösten Probleme von KDE 4.x mit sich herumschleppt.)

Die einzigen Menschen, die vermutlich mit der Umstellung von Microsoft Office auf eine FOSS Office-Suite ein Problem hätten, sind diejenigen „Power User“, die eher esoterische „Funktionen“ von Microsoft Office-Anwendungen benutzen. OpenOffice.org Writer kann alles, was ein Kirchenbüro von einem Textverarbeitungsprogramm zum Erstellen von Dokumenten benötigt. Abiword kann dies ebenso alles. In Sachen Tabellenkalkulation können OpenOffice.org Calc und Gnumeric alles an Addition, Subtraktion, Division und Multiplikation in eine Tabelle umsetzen, was für den kirchlichen Finanzausschuss erforderlich ist. Und das Tolle an diesen Werkzeugen ist, dass Kirchenmitarbeiter sie installieren und benutzen können ohne einen Cent zusätzliche Kosten.

Sollte eine Kirche Bilder in ihre Dokumente importieren wollen, dann kann dies F-Spot erledigen. Normalerweise hat eine Kirche heutzutage eine Webseite. Das Importieren von Bildern von einer Kamera oder Speicherkarte, um sie auf die Website hochzuladen, funktioniert mir F-Spot sehr einfach. Das gleiche gilt für das Einfügen von Bildern etwa in einen kirchlichen Newsletter.

Wie schaut es mit Desktop-Publishing im Kirchenbüro aus? Kirchen, die bisher mit Microsoft Publisher kirchliche Newsletter im PDF-Format erstellen, lassen sich eine Spar-Chance entgehen, wenn sie nicht Scribus ausprobieren. Obwohl Scribus keine MS-Publisher-Dateien importieren kann, hat es bislang jede Desktop-Publishing-Aufgabe bewältigt, die ich an dieses Programm gestellt habe. Hat man einmal eine oder zwei Vorlagen erstellt, dann ist es sehr einfach, jeden Monat mit Scribus einen Newsletter zu herauszugeben. Und falls der Newsletter von einer professionellen Druckerei produziert wird: ich kenne keine Druckerei, die nicht mit EPS und / oder PDF-Dateien umzugehen weiß – beides Formate, die in Scribus bestens unterstützt werden.

Wenn eine Kirchenmusik-Abteilung Noten für Musik erstellen muss, könnte die Kirche deswegen ein paar hundert Dollar für die Software „Finale“ ausgeben. Oder die Kirche spart sich das Geld und verwendet MuseScore. (Außer vielleicht wenn Finale eine Funktion bereitstellt, die absolut von der Kirchenmusik-Abteilung benötigt wird und die MuseScore nicht bereitstellen kann.) Warum aber ohne Not Geld ausgeben, das besser genutzt werden kann und anderswo mehr gebraucht wird?

Und was ist mit Kirchen-Management-Software? Statt Geld für Kirchen-Management-Software wie „PowerChurch“, „Servant Keeper“ oder ähnliche Pakete auszugeben, sollte die Kirche einen Blick auf „Churchinfo“ werfen. Die Software kann als Web-basierter Service auf einem lokalen System oder auf einer entfernten Webseite ausgeführt werden und kann mit einem Standard-Webbrowser wie Firefox bedient werden.

Was ist über Kirchenfinanz- und Gehaltsabrechnungs-Software zu sagen? Es gibt ein paar „freie“ Finanz-Anwendungen für den Einsatz unter Linux. Im Rahmen der Rechnungslegung und Gehaltsabrechnung einer Kirche kann die kostenfreie, aber nicht „frei“ lizenzierte Software NolaPro in Betracht kommen. (Wenn jemand ein „freies“ alternatives Finanzpaket kennt, dass eine Gehaltsabrechnung enthält, dann freue ich mich über einen entsprechenden Hinweis!)

Werfen wir nun insgesamt einen Blick auf die Lizenz Kosten unserer FOSS-Software für das kirchliche Amt.

Betriebssystem Linux auf dem Desktop $ 0,00
Linux-Betriebssystem auf dem Server $ 0,00
OpenOffice.org Office Suite und GnomeOffice 0,00 $
Evolution Groupware-Client und E-Mail-Client $ 0,00
F-Spot Bildimport und einfaches Editieren 0,00 $
Scribus Desktop Publisher $ 0,00
MuseScore Notensatz-Software 0,00 $
Churchinfo Kirchen-Management-Software 0,00 $
NolaPro Buchhaltungssoftware mit Gehaltsabrechnung 0,00 $
Summe der Kosten 0,00 $

Ja, ich weiß, der Faktor Zeit ist nicht „kostenfrei“. Und es kostet, Zeit in das Erlernen neuer Anwendungen zu investieren. Diese hier angeführten Anwendungen sind allerdings ihren Gegenstücken auf Microsoft- und Apple-Systemen sehr ähnlich. Darum ist vermutlich der Zeitaufwand nicht so groß, wie manche behaupten. Einmal in das Erlernen dieser Software investierte Zeit rentiert sich zudem ein Leben lang. Ich behaupte, das Erlernen von Microsoft Windows 7 und der neuen Microsoft 2010-Software würde auf jeden Fall eine ähnliche Menge an Zeit in Anspruch nehmen.

Ja, es stimmt: eine Kirche braucht einen bezahlten Berater für die Setup-Arbeit auf einem Linux-Server. Allerdings würde sie genau so einen Berater für das Setup eines Microsoft-Servers brauchen, sollte die Kirche bei Microsoft bleiben. Denn das Einrichten eines Servers jeglicher Art ist eine größere Herausforderung als die Einrichtung eines Desktop-Systems beliebigen Typs.

An alle meine Freunde in den Kirchen: „Frohe Weihnachten“! Dieser Artikel ist mein Geschenk an Euch.

Ein Artikel von: Gene Alexander (übersetzt aus dem Amerikanischen von Ulrich Berens).
Der Autor Gene Alexander betreibt in Jackson, Tennesee, USA, eine Firma, die unter anderem Linuxunterstützung für Kirchen und caritativ tätige Organisation anbietet:
ERA Computers & Consulting

Link zu seinem Originalartikel: http://blog.eracc.com/2010/12/08/linux-tux-goes-to-church/

Gastautor

Dies ist ein Beitrag eines unserer Gastautoren. LUKi freut sich stets über neue Beiträge aus dem Linux- und Opensource-Umfeld! Wenn Du ein spannendes Thema hast und dieses gerne auf luki.org veröffentlichen möchtest, kontaktiere uns bitte!

More Posts

Ein Gedanke zu „Linux: Tux geht in die Kirche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.