Der benutzerfreundlichste Computer der Welt

Einschaltknopf
Einschaltknopf
Die einzige Taste, die nach der Konfiguration noch bedient werden muss.

Ich bin durch meine Arbeit für die Offene Bibel hin und wieder auf Messen unterwegs oder darf anderweitig die Offene Bibel in Form eines Stands präsentieren. Teil unseres Standardstands ist auch eine Impress-Präsentation, die Besucherinnen und Besucher neugierig machen soll und einfach unbeaufsichtigt endlos in die Runde laufen soll.
Für dieses Szenario einen der wichtigen Laptops, die für andere Aufgaben vorgesehen sind zu opfern, kam nicht in Frage. Ein kurzer Blick in den Keller offenbarte einen alten Pentium3-Laptop mit 128MB Ram. Ein passendes Linux war zügig installiert (der Rechner soll ja eh nicht ans Internet angeschlossen werden, also kann man ruhig etwas altes und dafür schnelles nehmen).

Die Herausforderung:

Der Laptop soll…

  • leicht bedienbar sein
  • nicht für andere Zwecke mißbrauchbar sein
  • OOo/Lo-Impress ausführen können
  • keine Wartung benötigen

Die Lösung:
Damit keine Passwörter herumgereicht werden müssen, wird ein Autologin realisiert. Ob dies über den mitinstallierten Displaymanager (LightDM, GDM, KDM,…) oder über die Konsole (etwa mittels rungetty) passiert ist davon abhängig, wie alt der Rechner ist und welche Distribution genutzt wird. In meinem Fall habe ich eine Ubuntu 8.04-Server Installation hinter mir gehabt und konnte somit nicht ohne Umwege auf eine grafische Lösung zurückgreifen. Für die weiteren Schritte brauchen wir die Pakete rungetty und xinit ($ sudo apt-get install rungetty xinit).* Der Autologin über die Konsole erfolgt, indem man in der Datei /etc/init/tty1.conf (vor Ubuntu 9.04 /etc/event.d/tty1 in anderen Distributionen oft /etc/inittab) die Zeile

exec /sbin/getty 38400 tty1

durch ein # auskommentiert und eine neue Zeile mit folgendem Inhalt hinzufügt:

exec /sbin/rungetty --autologin BENUTZERNAME tty1

Spätestens jetzt empfiehlt es sich einen neuen Benutzer** anzulegen (z.B. mit „$ sudo adduser praesibenutzer“, da man sich ja nicht selbst komplett ausschließen möchte.
Diesen zweiten Benutzer, der keine sudo-Rechte haben sollte, trägt man als automatisch eingeloggten Benutzer ein und darf sich nun an das Feintuning begeben. Als grafische Oberfläche kann man ruhig minimalistisch zu Werke gehen, denn außer der Präsentation soll ja nichts laufen. Ob man nun einen minimalistischen Windowmanager wie etwa twm oder einen etwas besser ausgestatteten wie Fluxbox installiert, ist Geschmackssache. Wichtig ist nur, dass man die Möglichkeiten so weit wie möglich einschränkt. Bei Fluxbox ($ sudo apt-get install fluxbox ; dabei wird in meinem Fall auch gleich X11 mit installiert) etwa sollte das Menü auf ein Minimum (nämlich den einzigen Eintrag „exit“) reduziert werden und auch die Tastenkombinationen deaktiviert werden. Entsprechende Konfigurationsdateien finden sich unter /home/praesibenutzer/.fluxbox.
Nun kann auch dafür gesorgt werden, dass der Bootvorgang nicht mit dem Login endet, sondern bis zur laufenden Präsentation weiter geht. Dafür wird in der Datei .profile als letzte Zeile

exec startx;

hinzugefügt. Mit dem Starten von X geben wir uns aber nicht zufrieden und bearbeiten die Datei .xinitrc entsprechend:

ooimpress -norestore -show PRAESENTATION.odp & fluxbox

Wir starten also OpenOffice Impress (oder in neueren Distributionen auch gern Libre Office Impress), verbieten die Dateiwiederherstellung, die uns nur zu einem Klick zwingen würde und starten die Präsentation (die ohne weitere Pfadangabe im Home-verzeichnis liegen muss) mit dem Parameter „show“. Anschließend starten wir noch fluxbox, damit X mit dem Fenster umzugehen weiß.

Laptop mit Präsentation
Der Laptop bootet direkt in die laufende Präsentation.

Damit haben wir eine Umgebung, in der der Nutzer vor dem PC lediglich die Präsentation und fluxbox beenden kann. Sobald jedoch Fluxbox beendet wird, wird der Benutzer ausgeloggt und – da ja wieder eine loginshell auf tty1 erzeugt wird wieder eingeloggt und die Präsentation neu gestartet. Wenn man die Präsentation vor Vandalismus schützen möchte, kann man dem Nutzer auch noch die Schreibrechte in seinem Ordner entziehen. Wenn man nun noch das Glück eines funktionierenden Powerknopfes hat, der nach einem Druck den PC herunterfährt hat man einen Computer der mit nur einem Knopf bedient wird: Powerknopf drücken -> die Präsentation beginnt, Powerknopf ein zweites mal drücken -> der Computer fährt herunter. Voila!
Der benutzerfreundlichste Computer der Welt!

——
*… und natürlich Open/LibreOffice Impress. Falls rungetty Probleme macht, gibt es einen zweiten Weg zum Autologin (xinit muss auch dafür installiert werden): Ein einfaches

su - BENUTZERNAME -c startx

in der Datei /etc/rc.local vor der Zeile „exit 0“ bringt das selbe. Eventuell muss hier der Start von X per „$ sudo dpkg-reconfigure x11-common“ jedem erlaubt werden. Bei dieser Methode gibt es leider keinen automatischen Neulogin nach dem Beenden von Fluxbox, es erfolgt nur das Ausloggen. Hier muss also ein manueller Neustart geschehen.

**Mit dem administrativen Benutzer kann man sich weiterhin anmelden, indem man von der Präsentation aus per strg-F2 auf eine freie Konsole springt und sich dort anmeldet. Übrigens kann man mit ein bisschen Glück den X-Server dazu überreden auch externe Monitore oder Beamer automatisch korrekt anzusteuern, womit das Setup noch eine Spur besser wird.

Wolfgang Loest

Vikar in der lippischen Kirchengemeinde Wöbbel, LUKi-Mitglied seit Oktober 2009, Projektleiter der Offenen Bibel, SocialMedia-Addict, seit 2001 in der Unix/Linux-Welt unterwegs, bloggt unter http://erloest.wordpress.com

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2 Kommentare zu “Der benutzerfreundlichste Computer der Welt

  1. Interessant!

    Bei einem ähnlichen Versuch mit einem altern Laptop von Toshiba (PI, 64 MB RAM) hatte ich damit zu kämpfen, dass sich ständig der Bildschirm abgeschaltet hat. Ich vermutete damals, dass dies mit irgendeiner BIOS-Einstellung zu tun hatte. Leider habe ich es nicht geschafft, ins BIOS zu kommen, dieses war PW-geschützt…

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