Vom Organizer zum TaschenTux – eine subjektive Bestandsaufnahme

Einen Kalender in Papierform benutze ich bereits seit 2001 nicht mehr. Damals gehörte ich damit noch klar zu den Exoten. Skeptische bis mitleidige Blicke gehörten zum Alltag, wenn ich bei Besprechungen meinen Psion 5 MX Pro zückte (eine Art vorzeitliches Netbook ohne „Net“). Besser wurde es nicht dadurch, dass ich meistens am längsten brauchte, einen Termin einzutragen oder gar wieder zu finden. Jener besagte Psion hatte ein Betriebssystem namens „Epoc32“ – ein proprietäres System, das inzwischen vom Markt verschwunden ist. Es gab für die wichtigsten Aufgaben zufrieden stellende Programme und wer wollte, konnte in einer systemeigenen Scriptsprache sogar eigene Programme schreiben.

 

Seit jenen Tagen bin ich beim papierlosen Kalender geblieben – trotz manchem Displayausfall immer dann, wenn es am ärgerlichsten war. Die mitleidigen Blicke verschwanden irgendwann und wichen dem Desinteresse einer Normalität bei Besprechungen, in denen jeder auf irgendeinem kleinen Gerät herum tippte oder wischte.

Meinem Psion bin ich exakt 10 Jahre treu geblieben. Dann stellte sich mir das erste Mal die Frage, was wohl ein moderner und würdiger Nachfolger wäre. Schnell wurde mir klar, dass es ein Smartphone werden würde. Als begeisterter Linuxer kam für mich nur ein Linux-Betriebssystem in Frage. Aber welches?

Android war 2010 deutlich auf dem Vormarsch. Bedenken hatte ich ob des fragwürdigen Vorgehens des Herstellers Google, alle Applikationen über eine Java-Vitual-Machine laufen zu lassen. Kann man das noch ein „natives Linux“ nennen? An das zugrunde liegende System zu kommen, wird weitesgehend verhindert. Sogar die Shell ist eigentlich nicht vorgesehen und nur über Umwege zu bekommen. Dazu kommen rechtliche Bedenken, wegen des in Reverse-Engeneering nachgebauten Javas. Das klang alles nicht nach meinem zukünftigen System.

Als Alternative entdeckte ich das von Nokia ins Rennen geworfene „Maemo“. Besonderes Merkmal: Fast ausschließlich Freie Software! Dafür gab es keine große Auswahl an Geräten. Einziger Kandidat war das Nokia N900. Das hatte dann aber auch alles, was mein Herz begehrte. Vor allem die für „Psion-nisten“ sehr wichtige Tastatur. Dass viele Endnutzer über die vermeintliche „Frickel-Mentalität“ des Gerätes klagten, konnte mich nicht abhalten, es ausgiebig zu testen. Nach immer wieder kehrenden Besuchen in einer Media-Markt-Filiale (Verkäufer: „Ach, Sie schon wieder. Ich habe die Batterie schon mal aufgeladen.“), erstand ich das Teil schließlich.

Bekommen habe ich einen – zugegeben nicht sehr handlichen – Allrounder, mit dem ich neben den heute üblichen Dingen (Telefonieren, Fotos, Videos, Kalender, Adressbuch, Navigation, Internet) auch eher ausgefallene Sachen tun kann, wie beispielsweise mich über einen Knock-Sequenz auf meinem Server anmelden oder ein natives OpenOffice starten. Der Programm-Pool für Maemo umfasst einige tausend Applikationen. Verglichen mit dem Android-Pool ist das wenig. Dass ich trotzdem zufrieden bin, liegt an der Flexibilität des Systems. Zur Not bin ich in der Lage, alle Programme, die ich unter Debian nutze, in einer Chroot-Umgebung zu starten. Die Oberfläche ist – meines Erachtens – intuitiver zu bedienen als bei einem Android-System. Prozesse werden übersichtlich in einer Thumbnail-Ansicht dargestellt und es obliegt dem Anwender sie zu beenden. Bei Android werden Prozesse dagegen vom System verwaltet und können nur über zusätzliche Programme manuell beendet werden. Programmiersprache der Wahl in Maemo ist Python. Programme laufen direkt – im Gegensatz zum beschriebenen Umweg in Android über eine virtuelle Maschine.

Die Zukunft von Maemo heißt „Meego“ und ist die konsequente Weiterentwicklung hin zu einem auf allen Plattformen beheimateten System. Ich habe also in Zukunft ein System für alle Geräte – Smartphone, Netbook, Fön ;-). Rosige Aussichten, wäre da nicht der Hersteller Nokia. Durch seinen vermeintlichen Rettungsdeal mit Microsoft ist die Zukunft von Meego fraglich geworden, auch wenn noch Intel mit im Boot sitzt und inzwischen andere aufgesprungen sind. Die neuste Meldung diesbezüglich ist, dass Nokia nun doch recht bald ein Meego-basiertes Smartphone – das N9 – auf den Markt bringt, leider ohne Tastatur.

Und was bietet der Markt noch außer den beiden beschriebenen Betriebssystemen? Viel Hoffnung lag auf HPs WebOS. Dies hat sich in den letzten Tagen zerschlagen. HP stampft seine Tablet- und PC-Sparte ein und damit wird WebOS auf mittlere Sicht keine Bedeutung mehr auf dem Markt haben. Bleibt noch Bada – das linuxbasierte Betreibssystem von Samsung, mit dem der Autor noch keine Berührung hatte. Ich setze meine Hoffnung weiter auf Meego. Auch wenn ein neues Gerät bei mir turnusgemäß erst 2020 ansteht.

 

Andreas Bergmann

Jahrgang 1972, seit 2001 mit Linux angebändelt, nach 5 Jahren dann Microsoft-frei und aktiv für Freie Software, Beruf: Ev. Diakon. Zur Zeit viel mit meinem Nokia N900 unterwegs, das ich vor allem als Sync-Kalender und Geocaching-Werkzeug aber auch zum Warten meines beruflichen Servers nutze. Seit Oktober 2012 habe ich das LPI Level 1 Zertifikat.

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4 Gedanken zu „Vom Organizer zum TaschenTux – eine subjektive Bestandsaufnahme

  1. Ich kenne Meego bislang nur als das Linux meiner Wahl für mein eePC-Netbook. Hier galt in diesem Jahr die Devise: nach jeden Update fehlt wieder oder klemmt wieder was Anderes. Jetzt hab ichs runtergeschmissen, weil es in meinen Augen buggy war und mit den Fixes ausgerechnet immer das nicht behoben wurde, was bei *mir* gerade klemmte.

    Die Handy-Sparte kenne ich nicht so. Aber: Warum sollte jetzt ausgerechnet Tizen mehr Vertrauen schaffen?
    Metelmi?
    Aua!

  2. So, eben las ich, dass Meego begraben ist. Intel hat sich zurück gezogen und will zusammen mit Samsung eine Mischung aus LiMo und Meego namens „Tizen“ weiter entwickeln. Auch Nokia hat Meego definitiv abgeschrieben. Das N9 wird kaum beworben und ist in Deutschland und den USA gar nicht erhältlich. Das hauseigene Nachfolger-System heißt „Metelmi“ und soll wohl nur für Billig-Handys als Symbian-Ersatz herhalten. Danke, Elop! Heute noch kurz vorm Abgrund doch jetzt schon wieder einen Schritt weiter 😉

    Vielleicht sollte man sich in Zukunft den Namen „Tizen“ merken. Oder auch nicht, oder was???

  3. Meine Taschencomputer-Biografie ist sehr ähnlich. Nur dass ich zwischen Psion und N900 noch auf den Zaurus ausgewichen bin. Freu mich, wenn du auf dem Luki-Treffen mit dabei bist, dann können wir ja mal einen Maemo-Plausch halten. Helmut hat ja auch ein N900, hoffentlich hat er’s noch. Meego wär schon toll, aber zur Zeit stehen die Chancen eher schlecht, was man so liest, sogar Intel zieht nicht mehr richtig mit. Schade! Ein N950 mit Tastatur und Meego als OS, das wärs.

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