φῶς – FOSS um die Bibel zu studieren

Warum φῶς (gr. phos)? Phos bedeutet Licht und wird im Neuen Testament 72 mal verwendet. Wofür und wozu wird erst einmal nicht verraten, dazu später mehr. Aber es hat auch einen leichten doppelten Sinn, denn es wird ähnlich ausgesprochen wie FOSS – Free and Open Source Software. Eine freie Bibelsoftware für alle, denn FOSS und φῶς – das ist eigentlich eine sehr gute und auch logische Verbindung. Als Theologe stellt man fest, dass viele Kolleginnen und Kollegen Software wie Logos oder Accordance verwenden. Beide kamen für mich als Linux-Anwender eigentlich nicht in Frage. Gleichzeitig sind die etablierten Programme wie Xiphos und BibleTime zwar funktional, aber lassen doch einige Features vermissen.

Wer heute also nach digitaler Bibelsoftware sucht, findet meist zwei Kategorien: kommerzielle Programme mit Cloud-Zwang und Abo-Modell, oder schlanke Open-Source-Projekte, die entweder auf das Nötigste reduziert sind oder eventuell auch nicht mehr weiterentwickelt werden. Was mir fehlte, war ein Werkzeug, das wissenschaftlich tief genug für exegetische Arbeit ist, gleichzeitig aber so einfach bleibt, dass es auch im Gemeindealltag und im Auslandseinsatz funktioniert – ganz ohne Internetverbindung und Cloud. Phos ist quelloffen unter der AGPLv3 lizenziert und baut auf der bewährten und oft verwendeten SWORD-Engine des CrossWire-Projekts auf. Es kann also auf eine jahrelang gewachsene und etablierte Bibliothek von Modulen (Bibeln, Kommentare, Bücher, Lexika) zurückgegriffen werden. Der Quellcode liegt frei einsehbar auf Codeberg. Wer möchte, kann teilen, mitlesen, mitdenken und mitbauen.

Ein zentrales Designprinzip von Phos: Die Software muss vollständig funktionieren, ohne dass ein Server irgendwo auf der Welt erreichbar ist. Über 900 SWORD-Module in mehr als 50 Sprachen lassen sich lokal herunterladen und stehen danach dauerhaft offline zur Verfügung – Bibelübersetzungen, Kommentare, Wörterbücher, Ursprachentexte in Hebräisch und Griechisch, aber auch Notizen und eigene Dokumente und Projekte. Das ganze wird ergänzt durch weitere freie Daten, etwa zu Synonymen und Verbindungen von griechischen und hebräischen Wörtern, für eine Evangelien-Synopse oder auch eine umfangreiche Liste von Themen und dazugehörigen Bibelstellen. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wer im Gemeindedienst, in der Seelsorge oder im missionarischen Einsatz nicht nur an Orten mit schlechter oder gar keiner Internetanbindung arbeitet, wer mit sensiblen seelsorgerlichen Daten arbeitet oder auch als Christ in kritischen Ländern unterwegs ist, braucht nicht unbedingt eine Cloud-Anbindung oder einen Cloud-Zwang.

Die Bibliotheksansicht – Neben Sword-Modulen können auch epub- und PDF-Dateien integriert werden.

Grundsprachliche Module, Kommentare und Wörterbücher in Parallelansicht

Nicht nur biblische Texte: Auch frühchristliche Texte lassen sich altsprachlich und in Übersetzung anzeigen.

KI, die lokal und bei den Quellen bleibt

Auch bei der Einbindung von KI-Funktionen gilt das selbe Prinzip. Phos integriert eine RAG-Anbindung (Retrieval-Augmented Generation) auf Basis von Ollama, die vollständig lokal läuft. Das bedeutet zweierlei: Erstens verlassen keine Nutzerdaten oder Suchanfragen den eigenen Rechner in eine Cloud. Zweitens – und das ist auch theologisch wichtig – arbeitet die KI ausschließlich auf Basis der installierten Module selbst, nicht auf Basis einer externen KI. Zusammenfassungen, die „Fakten“-Ansicht mit thematischen Übersichten, Wörterbucheinträgen, Schlüsselversen und Predigtvorschlägen – all das entsteht lediglich aus den Texten, die tatsächlich installiert sind. Wer eine bestimmte Modulauswahl inhaltlich und theologisch vertraut, kann der KI-Ausgabe auch deutlich eher vertrauen – denn die Quellen bleiben nachvollziehbar.

Es sind aber auch kleine Features, die nützlich sind: Die automatische Übersetzung oder Zusammenfassung von Texten aus den Modulen. Dabei bleibt die KI optional – wer nicht genügend Rechenkapazitäten hat oder diese einfach nicht nutzen möchte, hat diese standardmäßig deaktiviert.

Beispiel für den Einsatz von KI: Die Apparate von NA28 und anderer kritischer Bibelausgaben können zusammengefasst werden. 

Ein weiteres Beispiel für die Kombination von Suche und KI: Das RAG gibt Informationen und eine Zusammenfassung aus den existierenden Modulen an, darunter „klassische“ Ergebnisse aus den installierten Modulen.

Generisch und gleichzeitig persönlich erweiterbar

Phos ist im Kern eine generische Bibelstudien-Plattform – offen nicht nur für jedes Modul, das über das SWORD-Format verfügbar ist, sondern auch für andere Synopsen, thematische Bibelverse – all dies liegt der Software bei. Aber die eigene Bibliothek endet nicht mit Bibelmodulen. Deshalb lassen sich eigene E-Books und PDFs einfach in die Bibliothek einbinden und fügen sich nahtlos neben den SWORD-Ressourcen ein – mit Volltextsuche, Lesezeichen und, wo sinnvoll, auch in die RAG-Auswertung einbezogen. So wird aus der generischen Plattform ein persönliches Arbeitswerkzeug: die eigene Fachliteratur, Kommentare außerhalb des SWORD-Ökosystems, Studienmaterial der eigenen Gemeinde – alles an einem Ort, durchsuchbar und miteinander verknüpft.

Langjährige Nutzer kommerzieller Software, die aufgrund ihrer umfangreichen Sammlung an gekauften Werken nicht aus diesem Ökosystem ausbrechen wollen, können damit vermutlich nicht zum Wechseln gebracht werden – aber für alle neuen Anwender sollte klar sein: Ein gekauftes epub oder PDF gehört einem tatsächlich, Logos- oder Accordancemodule sind ohne die jeweilige Software nicht mehr nutzbar.

Tiefe für die Exegese, Praxisnähe für den Gemeindealltag

Phos richtet sich nicht nur an Menschen mit theologischer Ausbildung, sondern versucht, auch die Welt der theologisch interessierten oder ehrenamtlichen Mitarbeiter zu bedienen. Für die wissenschaftliche Arbeit gibt es Parallelansichten mehrerer Übersetzungen, Kommentare und Wörterbücher gleichzeitig, eine indexierte Volltextsuche, Interlinearansichten mit Strong-Nummern und morphologischen Tags, Wortstudien in den Ursprachen, einen Evangeliensynopse-Modus sowie Exegese-Projekte mit Export nach RTF und LaTeX inklusive wissenschaftlichem Zitationssystem.

Für den den Gemeindealltag stehen aber auch Lesepläne und Andachten, Notizen und Lesezeichen, eine Predigtvorbereitung über die Fakten-Ansicht sowie eine Synchronisation mit AndBible zur Verfügung, damit Notizen und Lesezeichen zwischen Desktop und Smartphone nicht verloren gehen. Die Oberfläche selbst ist weitgehend anpassbar – von Icons bis zu Arbeitsbereichen –, sodass Phos an unterschiedliche Arbeitsweisen anpassbar ist.

Phos läuft plattformunabhängig und es gibt aktuelle Builds für Linux, Windows. Theoretisch könnte es auch für macOS und FreeBSD kompiliert werden.

Die Exegese-Ansicht mit RTF-Texteditor: Links die entsprechenden Bibel-Tools (Text, Interlinear, Textkritik), rechts verschiedene Literaturtools (Kommentare, Fundorte in anderer Literatur, KI-Zusammenfassung, Diskussion der Kommentare, Lieder zu den Versen und Material aus Kinder- und Jugendarbeit). 

Die Exegese-Ansicht: Hier mit einem LaTeX-Dokument. Im unteren Bereich kann zusätzlich in Lexika gesucht werden, die Kommentaransicht rechts sucht relevante Informationen aus allen  Modulen, also auch PDF und epub-Büchern heraus.

Bitte um Mithilfe

Phos befindet sich derzeit in Version 0.1.4 und trägt offiziell noch den Status „Alpha“. Das heißt: Vieles funktioniert bereits, manches ist noch im Aufbau, und gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mitzuwirken. Das Projekt sucht Menschen, die bereit sind, die Software im echten Einsatz zu testen – beim Predigtvorbereiten, beim Bibelstudium, in der Gemeindearbeit oder im Auslandseinsatz – und ehrlich zurückzumelden, was funktioniert, was fehlt und was Probleme macht. Genauso willkommen sind Rückmeldungen zu Übersetzungen, Ideen für weitere Module oder Funktionen, und natürlich Code-Beiträge, wenn jemand Lust hat, selbst Hand anzulegen.

Der Quellcode, aktuelle Releases und die Möglichkeit, Fehler zu melden, finden sich auf Codeberg. Für Linux wird es als Appimage bereitgestellt, für Windows gibt es ein Installationsprogramm.

Wenn Du regelmäßig mit Bibelsoftware arbeitest – ob wissenschaftlich, seelsorgerlich, privat oder ehrenamtlich – und Lust hast, ein offenes, unabhängiges Projekt mitzugestalten: Installiere dir Phos, probier es an Deinem eigenen Arbeitsablauf aus und hilf, aus der Alpha ein stabiles, verlässliches Werkzeug für die ganze Community zu machen. Oder auch nur, wenn Du herausfinden möchtest wo die 72 Nennungen von φῶς – Licht – im NT sind

jens

jens

... liebt es, über den Tellerrand zu schauen. Er ist studierter Mathematiker, Informatiker und Theologe. Als Wissenschaftler beschäftigt er sich vor allem mit der Verarbeitung natürlicher Sprache (NLP), Data Science, Linked Data, den gesellschaftlichen Themen der Digitalisierung und interdisziplinär mit Digital Humanities.

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